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Bastian Schweinsteiger und Afrika als viel zu wildes Spielsystem: Der Weltmeister alter Fußballphrasen schreibt
🌎 Ein Schreiben aus dem ARD-Taktikraum, wo ein ganzer Kontinent plötzlich zur Spielanlage wird und alte Fußballweisheiten noch einmal versuchen, sich durch die Viererkette der Gegenwart zu dribbeln.
Heute Vormittag rollte eine Taktiktafel gegen unsere Redaktionstür.
Nicht schnell, nicht präzise, sondern eher raumöffnend.
Sie kam offenbar aus einem Fernsehstudio, hatte Rasenflecken auf der Rückseite und trug vorne drei Magnetpunkte: einen weißen für Europa, einen roten für Südamerika und einen sehr nervösen gelben für Afrika. Unter dem gelben Punkt stand in hastiger Expertenhandschrift:
WILD, ABER IRGENDWIE NICHT SO TAKTISCH.
Kurz darauf knackte unser Bildschirm. Die Wiederholung einer Spielanalyse flackerte auf, dann ein Standbild von Bastian Schweinsteiger, dann ein alter WM-Kaiser-Schatten im Hintergrund, der leise murmelte, die Schweden seien nun einmal keine Holländer.
Unser Drucker gab erst einen Pfiff aus wie ein Assistent an der Seitenlinie, dann ein Blatt in ARD-Blau und schließlich ein Schreiben, das nach Kabinengang, Mikrofonwindschutz und abgestandenen Fußballweisheiten roch.
Absender: Bastian Schweinsteiger. Weltmeister. TV-Experte. Mann mit Finalnarbe im kollektiven Gedächtnis. Und seit dieser Woche offenbar Leiter des Instituts für interkontinentale Spielsysteme.

✉️ Der Brief
„Man kann einen Kontinent nicht mit Magneten erklären, nur weil die Halbzeitpause zu kurz für einen vollständigen Gedanken ist.“
– Aus dem Lehrbuch Alte Phrasen, neue Linienrichter
An die überhitzten Möchtegern-Linienrichter der sogenannten Gegenwart,
ich muss da jetzt auch mal was sagen, also nicht falsch verstehen.
Das war ja alles rein fußballerisch gemeint. Rein… ähm… vom Spiel her. Vom Laufweg her. Und klar… vom Gefühl her sowieso.
Ich habe nicht gesagt, dass Afrika ein Land ist. Das weiß ich natürlich. Ich war ja viel unterwegs. Champions League. Nationalmannschaft. Chicago. Manchester. München. Da kommt man schon rum. Ich weiß, dass Afrika groß ist. Sehr groß sogar. Fast so groß wie ein offener Raum nach Ballverlust, wenn der Sechser nicht mitverschiebt.
Aber im Fußball muss man manchmal Dinge zusammenfassen. Das macht man so. Schon immer!
Der Kaiser hat ja auch nicht immer erst einen Atlas aufgeschlagen, bevor er etwas gesagt hat. Der hat hingeschaut und wusste: Die Schweden sind keine Holländer. Das war keine Geografie. Das war Fußball. Und Fußball ist manchmal eben präziser, wenn er nicht zu genau wird. Genau das wollte ich sagen.
Ein bisschen afrikanischer Fußball. Ein bisschen wild und ein bisschen unorthodox auch. Ein bisschen nicht ganz so von der Taktik geprägt. Das ist doch erst einmal eine Beobachtung.
Wenn jemand sagt, die Italiener verteidigen gut, regt sich auch keiner auf. Wenn jemand sagt, die Spanier spielen viele Pässe, holt niemand den Woke-Schiedsrichter. Wenn jemand sagt, die Deutschen kommen über Mentalität, dann stehen im Hintergrund drei Männer in Regenjacken auf und nicken mit wissendem Grinsen, obwohl sie seit 1996 nicht mehr gelächelt haben.
Aber kaum sagt man bei Afrika wild, stehen alle auf dem Platz und zeigen auf den Monitor. Dabei ist wild im Fußball doch nicht automatisch schlecht. Wild ist auch Tempo. Wild ist eben Energie. Wild ist ein Spiel, bei dem man als Experte nicht sofort weiß, welche Magnetfigur wohin gehört. Und wenn man nicht sofort weiß, welche Magnetfigur wohin gehört, sagt man eben: unorthodox.
Das klingt besser als: Ich habe den Aufbau gerade nicht komplett verstanden. Ich bitte da schon um Fairness.
Früher war ich ja mal Spieler. Da war alles einfacher. Wenn der Gegner kam, habe ich mich reingeworfen. Wenn Messi kam, habe ich mich zweimal reingeworfen. Wenn ich blutete, hieß es: Held. Heute sitze ich im Studio, sage Spielanlage, und plötzlich blutet die Kommentarspalte.
Ist das diese neue Art von Zweikampf? Dazu sage ich euch: Der ist alles nicht ohne.
Man muss heute jedes Wort absichern wie eine Führung in der 88. Minute. Zu meiner aktiven Zeit sagte man: Der Junge ist robust. Heute fragt jemand: Robust in welcher historischen Zuschreibung? Damals meinte man lapidar: Der Gegner ist eklig. Heute kommt garantiert einer und will wissen, ob man Ekel kulturell differenzieren müsse. Man konnte auch einfach sagen: Die Mannschaft lebt. Heutzutage wird geprüft, ob die anderen Mannschaften damit als tot beschrieben wurden.
So kann man doch nicht durch einen Fußballabend führen. Natürlich verstehe ich, dass Afrika kein Spielsystem ist. Also grundsätzlich.
Aber fußballerisch gibt es doch Muster. Es gibt Mentalitäten. Es gibt Prägungen. Es gibt Teams, die eher so kommen, und Teams, die eher anders kommen. Die einen sind diszipliniert, die anderen frei. Die einen spielen wie Schach, die anderen wie ein Konter mit offenem Fenster. Und wenn man das erklären will, braucht man Bilder.
Ich komme nun mal aus dem deutschen Fußball. Wir denken mehr in Bildern.
So zum Beispiel: Der Baum brennt. Die Kirche bleibt im Dorf. Der Ball muss in die Box. Der Gegner darf nicht ins Rollen kommen. Man muss die zweiten Bälle gewinnen. Man muss den Rasen annehmen. Man muss den Kampf annehmen. Und manchmal muss man sogar das Spiel annehmen, obwohl das Spiel gar keinen Annahmeantrag gestellt hat.
Herrgott, ja! So reden wir nun einmal. Und jetzt soll das plötzlich alles problematisch sein, nur weil ich bei einem ganzen Kontinent kurz die taktische Feile weggelegt habe? Ich finde, da muss man die Kirche schon im Dorf lassen. Oder den Kontinent in der Formation.
Ach nee, Moment.
Das streichen wir lieber. Ich will ja nichts verschlimmern.
Wobei verschlimmern im Fußball auch oft eine Frage der Perspektive ist. Der Trainer sagt: Wir wollten höher stehen. Der Innenverteidiger sagt: Wir wurden überspielt. Der Experte sagt: Da fehlt die taktische Prägung. Und der Zuschauer sagt: Warum steht da hinten keiner? Und am Ende sieht man in der Zusammenfassung, dass das Spiel zu eng war, zu breit.
Aber im prinzip meinen wir doch alle dasselbe, oder? Nur manche werden dafür kritisiert.
Ich habe außerdem große Vorbilder. Franz Beckenbauer konnte mit einem Satz mehr Nebel erzeugen als andere mit einer Nebelmaschine für XXL-Ballermann-Partys. Lothar konnte aus jedem Gedanken einen Sprint machen, auch wenn der Gedanke noch nicht richtig aufgewärmt war. Rudi konnte Dinge sagen, bei denen man heute noch hört, wie irgendwo ein Weizenbier nervös wird.
Und Koeman? Der heißt nicht nur so. Der… na ja… koemant auch so.
Das ist natürlich kein offizieller Fachbegriff. Noch nicht. Aber wenn einer einen Freistoß schießt, dass die Mauer danach ihre berufliche Zukunft hinterfragt, dann darf man das schon mal so nennen.
Fußball braucht solche Sätze. Warum? Weil ohne solche Sätze wäre doch ein Spiel nur einfach 22 Leute, ein Ball und ein Mann mit Uhr. Mit solchen Sätzen aber wird daraus Kultur. Volksmund. Kabinenpoesie. Taktik in Hausschuhen.
Und ja, manchmal fällt aus diesem alten Schrank ein Satz, der heute nicht mehr gut aussieht. Das gebe ich zu. Ja gut, vielleicht hätte ich sagen sollen: Die Elfenbeinküste spielte in gewissen Phasen mit hoher Dynamik, individueller Freiheit und schwer vorhersehbaren Bewegungen in Zwischenräumen, ohne dass der Eindruck einer klassischen europäischen Strukturdominanz entstand.
Aber wer sagt so etwas live? Da ist die Halbzeit vorbei, bevor man bei Dynamik angekommen ist. Also sagt man natürlich: wild. Das ist kürzer und fernsehtauglich.
Das ist vielleicht aber auch das Problem. Denn kurz ist ja auch nicht immer klar. Und klar ist nicht immer richtig. Und richtig ist im Fußball ohnehin meistens erst nach der Zeitlupe.
Ich wollte niemanden kleinmachen. Ich wollte ein Spiel beschreiben. Aber vielleicht habe ich dabei zu groß gepinselt. Vielleicht war der Pinsel auch eine Schaufel?
Vielleicht malt man keinen Kontinent auf eine Taktiktafel und wundert sich dann, wenn jemand fragt, warum Ghana, Senegal, Nigeria, Marokko, Südafrika, Kamerun, Ägypten und die Elfenbeinküste plötzlich alle dieselbe Magnetfarbe haben.
Das wäre dann, rein taktisch, ein Zuordnungsfehler. Ein sehr weiter Ball. Ein Pass in einen Raum, in dem niemand steht, oder… stehen sollte. Klar, ich sehe das. Also zumindest jetzt. Während es schon überall brennt.
Und ja, ich weiß, dass das kein guter Satz ist, weil dann wieder einer fragt, ob bei mir schon wieder der Baum brennt.
Boah, echt! Man kann heute wirklich kaum noch arbeiten.
Aber vielleicht ist das die Lektion: Ein Experte muss nicht nur Räume erkennen. Er muss auch erkennen, wann ein alter Raum zu eng geworden ist. Wann eine Phrase nicht mehr trägt. Wann ein Bild nicht erklärt, sondern verdeckt. Wann man nicht Analyse macht, sondern aus Versehen ein Museum aufschließt, in dem noch Sprüche hängen, die früher Applaus bekamen und heute sehr allein an der Wand stehen.
Ach komm, ist doch auch egal! Ich bleibe trotzdem Fußballer. Und Nationalheld.
Ich werde weiter sagen, dass eine Mannschaft mehr Zugriff braucht. Ich werde weiter behaupten, jemand müsse den Körper besser reinstellen. Ich werde weiter „Tiefe“ sagen, auch wenn eigentlich ein Stürmer gemeint ist, der wegläuft.
Aber bei Afrika werde ich künftig vielleicht etwas genauer hinsehen. Nicht weil mir jemand den Mund verbieten könnte, sondern weil ein Kontinent eben kein echtes 4-4-2 ist, wenn man genauer draufschaut.
Und weil auch der wildeste Satz irgendwann einfach zurückgepfiffen werden kann. Hoffentlich.
Mit sportlichen Grüßen
Bastian Schweinsteiger
Weltmeister der blutenden Erinnerung
Erster Magnetverschieber im Taktikraum
Träger des Goldenen Doppelsechsers
und vorläufig beurlaubter Kontinentenanalyst
🪶 Kommentar der Redaktion:
Der Brief las sich ein wenig so, als habe jemand eine Taktiktafel in den Traditionsschrank des deutschen Fußballs gestellt und dann erschrocken festgestellt, dass dort nicht nur Pokale lagern, sondern auch stapelweise alte Schubladen.
Schweinsteiger schreibt darin nicht wie ein Mann, der bewusst provozieren wollte. Er schreibt wie einer, der aus einer alten Expertensprache kommt und nicht merkt, dass manche Sätze längst mehr Ballast tragen als Analyse. Genau darin liegt der Kern.
Es geht nicht darum, einem Weltmeister nachträglich den Heldenstatus aus dem Album zu kratzen. Es ist auch gar nicht Sinn der Sache, deutschen Fußballsprech pauschal zu verdammen. Im Gegenteil: Diese Sprache ist oft großartig bescheuert. Sie hat Bäume, die brennen. Sie hat Mannschaften, die den Kampf annehmen. Sie hat Spiele, die kippen, Räume, die bespielt werden, und Gegner, die eklig sind, obwohl sie nur gut stehen und auch noch gut gepflegt aussehen.
Aber wenn ein ganzer Kontinent zur Spielwiese wird, ist die Grenze zwischen launiger Analyse und müder Schablone überschritten. Afrika ist kein taktischer Stil. Afrika ist kein Gefühl auf dem zweiten Ball. Afrika ist keine Sammelbezeichnung für Tempo, Körperlichkeit und etwas weniger Magnetordnung. Wer so spricht, meint vielleicht Fußball. Er ruft aber Bilder auf, die größer sind als ein Spielbericht.
Das macht die Debatte so interessant: Schweinsteiger ist kein klassischer Krawallsprecher. Er ist nicht der Mann, bei dem alle schon vorher die Augen verdrehen. Er ist beliebt, geerdet, weltmeisterlich aufgeladen. Gerade deshalb fällt dieser Satz so laut.
Und vielleicht ist genau das der Wert des ganzen Theaters. Man muss nicht jeden schlechten Satz zur Staatskrise aufblasen. Aber man darf auch nicht so tun, als sei jede Kritik gleich ein Foul an der Meinungsfreiheit. Manchmal ist Kritik einfach der VAR der Sprache: lästig, langsam, stimmungsgefährdend, aber gelegentlich zeigt sie eben doch, dass der Fuß klar auf der falschen Linie stand.
Seit der Lektüre wissen wir: Deutschland hat sehr viele Fußballphrasen überlebt.
Aber nicht jede muss in die nächste Runde.






