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Bachmannpreis 2026 als Literaturtribunal: Warum öffentliche Kritik weh tun muss
Lena Schätte gewinnt mit Was wir tragen. Doch Klagenfurt zeigt wieder, warum Literaturkritik im Rampenlicht zwischen Prüfung, Showkampf und Beschwörung schwankt
Der Bachmannpreis ist die letzte große Arena des deutschsprachigen Literaturbetriebs. Ein merkwürdiger Ort, ein Fernsehstudio, gleichzeitig Hochgericht und dazu ein Zauberkreis mit Wassergläsern. In Klagenfurt treten Texte nicht einfach auf. Sie werden vorgelesen, ausgesetzt, befragt, zerlegt, verteidigt, manchmal gerettet und manchmal so lange umkreist, bis von ihnen nur noch ein Häufchen glänzender Deutungsasche übrig bleibt.
2026 gewann Lena Schätte mit Was wir tragen den Ingeborg-Bachmann-Preis und zusätzlich den Publikumspreis. Ihr Text über zwei übergewichtige Mädchen, die in der Schule zu einer radikalen Schutzgemeinschaft werden, bekam viel Lob: für seine Lakonie, seine Brutalität, seine Zärtlichkeit, seine kontrollierte Wucht. Es war einer dieser Klagenfurter Momente, in denen man merkt, warum dieses Format trotz aller Peinlichkeit, aller Rituale, aller literarischen Hofzauberei noch immer funktioniert.
Denn gute Literatur muss etwas aushalten können.
Die Frage ist nur: Wie viel davon muss sie öffentlich aushalten? Und wann wird aus Kritik ein Schaukampf, bei dem die Jury am Ende mehr Funken schlägt als der Text?

Die Arena von Klagenfurt
Der Bachmannpreis tut so, als sei er ein Literaturwettbewerb. Das stimmt natürlich, aber es ist nur die halbe Wahrheit. In Wirklichkeit ist er eine öffentliche Prüfungsszene. Ein Text tritt in den Kreis. Sieben Stimmen sitzen vor ihm. Das Publikum schaut zu. Die Kamera läuft. Dann beginnt jene alte Kunst, die in Deutschland gern mit dem Ausdruck „Diskurs“ entschärft wird, obwohl sie gelegentlich eher nach einem Duell mit höflich polierten Silbermessern aussieht.
Das hat etwas Unzeitgemäßes. Und genau darin liegt seine Kraft.
Während große Teile der Gegenwart Kritik lieber als Service behandeln – fünf Sterne, Daumen hoch, Algorithmus meint: passt zu dir –, besteht Klagenfurt auf der Zumutung des begründeten Urteils. Ein Text kann dort nicht einfach „berühren“. Er muss erklären lassen, warum er berührt. Er kann nicht bloß „wichtig“ sein. Er muss sich die Frage gefallen lassen, ob Wichtigkeit schon Literatur ergibt. Er kann sich nicht hinter Thema, Haltung oder Biografie verstecken, ohne dass irgendwann jemand am Tisch leise die Axt hebt.
Das ist hart. Manchmal ungerecht. Oft eitel. Aber ohne solche Härte wird Literaturkritik zur Wellnessabteilung des Betriebs.
Und niemand braucht noch mehr literarische Duftkerzen.
Der Text im Drachenfeuer
Schättes Was wir tragen ist für diesen Mechanismus ein gutes Beispiel. Der Stoff hätte leicht in pädagogische Rührung kippen können: Außenseiter, Körper, Mobbing, Armut, Mutter-Tochter-Verletzungen, Freundschaft als Schutz. All das kann schnell wie ein Themenzettel wirken, der schon beim ersten Satz um Applaus bittet.
Doch der Text scheint gerade deshalb gewonnen zu haben, weil er nicht um Schonung bittet. Er führt seine Figuren nicht als Opferfiguren auf einen goldenen Samtteppich. Er gibt ihnen eine Stimme, die knapp bleibt, kalt genug, um nicht zu betteln, und warm genug, um weh zu tun. In der Diskussion wurde genau diese Spannung sichtbar: Brutalität und Zärtlichkeit, Einfachheit und Abgrund, Konvention und eigentümliche Kraft.
Das ist der Moment, in dem Kritik sinnvoll wird. Sie prüft, ob ein Text nur mit einem starken Thema winkt oder ob er eine eigene Form findet. Ein Drache ist schließlich nicht deshalb eindrucksvoll, weil jemand „Drache“ auf ein Schild schreibt. Er muss Feuer haben. Schuppen. Gewicht. Einen Schatten, unter dem der Boden kurz kälter wird.
Schättes Text zeigte offenbar genau diesen Schatten.
Wenn die Jury zum Monster wird
Trotzdem bleibt die zweite Frage. Was passiert, wenn die Prüfung selbst zu groß wird? Wenn die Jury nicht mehr nur liest, sondern auftritt? Wenn das Ritual seine Opfer braucht, damit alle merken, dass noch Literatur betrieben wird?
Der stärkste Nebenmoment des Jahrgangs war nicht einmal Schättes Sieg, sondern Slata Roschals Entscheidung, nach ihrer Lesung den Raum zu verlassen. Plötzlich sprach die Jury nicht nur über den Text, sondern über sich selbst. Darf ein Autor gehen? Muss er bleiben und zuhören, während sieben Leute öffentlich über sein Werk sprechen? Ist das professionelle Kritik oder eine elegant ausgeleuchtete Form der Demütigung?
Das war der Augenblick, in dem die Arena ihre eigene Mechanik zeigte.
Natürlich kennt jeder Teilnehmer die Regeln. Und natürlich ist der Bachmannpreis kein Hinterhalt im Wald. Wer dort liest, weiß, dass die Jury danach spricht. Aber Wissen schützt nicht vor der eigentlichen Gewalt des Formats: Man sitzt da, der eigene Text liegt auf dem Tisch, und andere erklären, was er kann, was er will, woran er scheitert, wo er sich verrät. Der Autor darf am Ende lächeln, nicken, vielleicht danken. Das ist zivilisiert. Gerade deshalb kann es so brutal wirken.
Klagenfurt ist kein Folterkeller. Eher ein sehr heller Thronsaal, in dem alle so tun, als sei das Schwert eigentlich nur noch Dekoration.
Kritik braucht Schmerz, aber keinen Blutrausch
Trotzdem wäre es falsch, daraus den üblichen Gegenwartsschluss zu ziehen: weniger Härte, weniger Öffentlichkeit, weniger Urteil. Genau das wäre tödlich.
Literatur braucht Kritik, die mehr kann als Begeisterung verwalten. Ein Text, der öffentlich ausgezeichnet werden will, muss öffentlich befragt werden dürfen. Wer Preise, Aufmerksamkeit und kulturelles Gewicht verteilt, darf nicht so tun, als seien alle Urteile bloß private Geschmackswölkchen. Der Bachmannpreis ist deshalb wertvoll, weil er Kritik sichtbar macht: mit ihren Argumenten, ihren Irrtümern, ihren Eitelkeiten, ihrer manchmal wunderbaren Präzision und ihrer gelegentlichen Lust am eigenen Klang.
Das Problem ist nicht die Härte, sondern der Moment, in dem Härte sich selbst genießt.
Gute Kritik darf schneiden. Sie sollte nur wissen, wo das Messer endet und die Pose beginnt. Sie darf einen Text streng behandeln, aber sie sollte ihn nicht als Vorwand benutzen, um die eigene Brillanz in den Saal zu stellen. Sie darf moralische Fragen stellen, aber sie sollte nicht jeden ästhetischen Mangel automatisch zur Sünde erklären. Und sie darf Empörung ernst nehmen, ohne sofort den kompletten Literaturbetrieb in ein Tribunal für Weltrettung umzubauen.
Der Bachmannpreis ist am besten, wenn die Jury nicht Richter spielt, sondern Leser mit gefährlich gutem Besteck.
Der Fantasydreh: Klagenfurt als alter Prüfstein
Gerade für Fantasy-Leser ist dieses Format heimlich vertraut. Klagenfurt funktioniert wie einer dieser uralten Prüfsteine aus Legenden: Wer ein Schwert darauf legt, erfährt, ob es nur glänzt oder wahrhaft geschmiedet wurde. Wer einen Text hineinträgt, bekommt keine höfliche Verlagsrunde, sondern ein Ritual aus Blicken, Sätzen, Widerspruch und manchmal auch magischem Übermut.
Die Jury ist dann kein Gremium, sondern ein Kreis von Zauberern, der ein Artefakt begutachtet. Der eine riecht zu viel Schwefel. Die andere erkennt eine Rune, die angeblich aus dem 19. Jahrhundert stammt. Einer murmelt „Formproblem“, was im Literaturbetrieb ungefähr klingt wie „Der Dämon ist noch nicht gebannt“. Jemand findet den ersten Satz stark. Jemand anderes sieht eine Falle im dritten Absatz. Dann flackert das Licht, und irgendwo im Publikum schreibt jemand bereits den nächsten empörten Kommentar.
Das ist lächerlich. Und absolut großartig.
Denn Literatur war nie nur stilles Lesen im Sessel. Sie war immer auch Kampf um Deutung. Wer erzählt? Wer darf sprechen? Wer wird verstanden? Welche Sprache gilt als Kunst, welche als Zumutung, welche als Masche? Der Bachmannpreis macht diese Fragen sichtbar, weil er das Lesen nicht versteckt. Er stellt es aus. Manchmal sieht das edel aus. Und dann wiederum wie ein Marktgericht in einer Stadt, deren Gilden seit Jahrhunderten zerstritten sind.
Warum Klagenfurt bleiben muss
Am Ende ist der Bachmannpreis 2026 kein Beweis dafür, dass öffentliche Literaturkritik kaputt ist. Er zeigt eher, warum sie gefährlich bleiben muss. Ein harmloser Bachmannpreis wäre sinnlos. Ein Bachmannpreis, bei dem jeder Text nur achtsam umkreist wird, könnte auch gleich als Achtsamkeitsseminar mit Prosabeilage stattfinden. Dann lieber Funken, ein paar Fehlschläge und Sätze, die zu scharf geraten.
Literaturkritik muss weh tun dürfen, weil Literatur selbst nicht immer nett sein kann. Aber sie muss aufpassen, dass sie nicht zum Ritual der Überlegenheit wird. Der Text gehört in die Arena, ja. Die Jury aber auch. Denn wer öffentlich urteilt, wird selbst lesbar: in seinen Vorlieben, blinden Flecken, Reflexen, Eitelkeiten und gelegentlichen Glanzmomenten.
Klagenfurt ist deshalb weiterhin wichtig. Nicht weil dort immer gerecht geurteilt wird. Nicht weil jede Debatte schön wäre. Sondern weil dort sichtbar bleibt, dass Literatur kein Dekorationshandwerk ist. Sie ist Streitstoff. Zaubermaterial. Waffe. Schutzmantel. Fluch. Manchmal auch ein kleines, trotziges Licht auf einer Schultoilette.
Lena Schättes Was wir tragen hat diesen Prüfkreis bestanden. Der Bachmannpreis selbst muss ihn jedes Jahr neu bestehen.
Und genau deshalb schauen wir weiter hin.






