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Astriferous – Atavistic Unraveling (Review)
🧿 Kurzfazit
Atavistic Unraveling ist ein krummes, wimmelndes und erstaunlich kontrolliertes Death-Metal-Album. Astriferous verbinden alten finnischen Moder, südamerikanische Raserei, okkulte Schieflage und eine fast psychedelische Körperlichkeit. Das Ergebnis ist nicht einfach roh. Es ist wach, giftig und unangenehm lebendig.
🎯 Für wen?
Für Fans, die Death Metal gerne eine kreativie Ader zugestehen. Denn die Platte will nicht nur brutal sein. Sie hat Formen. Schlechte Formen, ja natürlich. Aber eben echte Formen. Viele Riffs wirken, als würden sie sich im falschen Winkel durch den Song bewegen. Die Band lässt das Chaos nicht frei herumlaufen, sondern hält es an einer sehr kurzen Leine.
🎧 Wie klingt das?
Wer Demigod, Demilich, frühe Morbid Angel, alte finnische Gruftschulen, Incantation-Dunkel und die fiebrige südamerikanische Extrem-Metal-Tradition im Ohr hat, findet hier eine grobe Landkarte. Aber Astriferous sind keine Band für reine Ahnenpflege. Sie nehmen das alte Material und lassen es im eigenen Schleim neu reagieren.
🎼 Highlights
Carriers Of The Curse, The Floating Catacombs, Proto Embryo (The Third Tribulation), Resonance Cascade
⛔ Nichts für dich, wenn…
du Death Metal gerne aufgeräumt, geradeaus oder sportlich brutal magst. Atavistic Unraveling ist zwar präziser, als das Cover vermuten lässt, aber es bleibt eine Platte voller Schräglage, Organik, schleimiger Winkel und körperlicher Abscheu.
🧬 Astriferous – Atavistic Unraveling: Wenn Death Metal mutiert
Es gibt Death Metal, der verwest. Und es gibt diesen ganz seltsamen Death Metal, der während der Verwesung mit dem Denken anfängt. Astriferous gehören klar zur zweiten Kategorie. Auf Atavistic Unraveling klingt nichts tot genug, um endlich still zu sein. Unter der Oberfläche kriecht es weiter. Riffs biegen sich wie feuchte Knochen, Drums stoßen Luft durch verstopfte Kammern, Stimmen blubbern aus einem Schlund, der nicht mehr sauber zwischen Körper, Höhle und kosmischem Abfluss unterscheiden kann. Diese Musik fällt nicht auseinander. Sie entwirrt sich.
Der Albumtitel ist deshalb ziemlich perfekt. Atavismus meint das Wiederauftauchen uralter Merkmale, ein Rückfall in etwas, das längst überwunden schien. Atavistic Unraveling klingt genau so: nicht nostalgisch, sondern rückgebildet. Als würde Death Metal eine ältere, hässlichere, weniger menschliche Form unter seiner Haut freilegen. Das ist kein glatter Rückgriff auf die Neunziger. Eher eine Mutation, die in alten Grabkammern gelernt hat, wie man moderne Nerven angreift.
Die Band aus Costa Rica hatte mit Pulsations From the Black Orb bereits bewiesen, dass sie morbiden Death Metal nicht nur zitieren, sondern regelrecht bewohnen kann. Auf dem zweiten Album ist dieser Ekel präziser geworden. Die Produktion ist lesbarer, die Instrumente schneiden klarer, aber nichts wirkt sauber. Es ist, als hätte jemand das Laborlicht eingeschaltet und dadurch erst sichtbar gemacht, wie schlimm es an den Wänden wuchert.
Das Cover setzt sofort den richtigen Maßstab: ein rotes, fleischiges Gewirr aus Augen, Tentakeln, Mäulern, Knochenrippen, okkulten Scheiben und organismischem Wahnsinn. Kein Friedhof. Keine Kapelle. Kein Standarddämon. Das sieht eher aus wie ein anatomisches Diagramm aus einem Buch, das sich beim Lesen von selbst schließt.
Atavistic Unraveling ist Death Metal als Rückfall. Nicht in die Vergangenheit, sondern in den Körper darunter.
🎧 Was erwartet dich?
Genre(s): Death Metal, Old School Death Metal, Dissonant Death Metal, Cosmic Death Metal
Vergleichbar mit: Stell dir keinen Stammbaum vor, sondern einen feuchten Keller mit mehreren Türen. Hinter einer fault finnischer Death Metal der frühen Neunziger. Hinter der nächsten rotiert Morbid-Angel-Geometrie in schlechter Beleuchtung. Weiter hinten tropft Incantation-Schwere von der Decke, während irgendwo im Mauerwerk diese südamerikanische Unruhe arbeitet, die Riffs nicht nur spielt, sondern anfällt. Astriferous laufen durch all diese Räume, nehmen aber nichts ordentlich mit. Sie zerren es heraus, verdrehen es und lassen es wieder atmen.
Klangfarbe: Atavistic Unraveling klingt dunkelrot, schwarzbraun und feucht. Nicht warm, nicht erdig, nicht natürlich. Eher wie Fleisch, das zu lange unter einer kosmischen Lampe lag. Die Gitarren haben einen schmierigen Biss, die Drums bleiben schnell und beweglich, der Bass drückt sich durch die Zwischenräume, und der Gesang kommt nicht aus dem Vordergrund, sondern aus einer Öffnung irgendwo darunter.
Trotzdem ist das Album nicht matschig. Genau das macht es gefährlich. Man kann den Bewegungen folgen. Man hört, wann ein Riff zupackt, wann ein Rhythmus stolpert, wann ein Song plötzlich in einen anderen Winkel kippt. Die leicht klarere Produktion nimmt der Musik nicht den Ekel. Sie stellt ihn eher stärker in den Vordergrund.
Der eigentliche Trick der Platte liegt in ihrer Beweglichkeit. Astriferous können rasen, aber sie rasen nicht blind. Sie können schleppen, aber sie versinken nicht. Sie können technisch werden, ohne in Vorführmetal zu kippen. Der Sound bleibt körperlich, doch die Songs haben diesen zusätzlichen Irrsinn im Kopf: als würde ein Kadaver versuchen, sich an eine höhere Mathematik zu erinnern.
🔥 Highlights: Vier Reaktionen im falschen Gewebe
Carriers Of The Curse ist der erste Schnitt, und er geht sofort tief genug. Der Song öffnet das Album nicht mit einer langen Beschwörung, sondern mit diesem Gefühl, dass irgendwo ein Siegel gebrochen wurde und nun etwas sehr Altes durch einen zu engen Kanal muss. Die Riffs kommen nicht glatt aus der Wand. Sie reißen Fasern mit. Der Track hat eine wichtige Aufgabe: Er erklärt die Körpersprache des Albums. Astriferous lassen den Death Metal nicht marschieren, sondern zucken, stoßen, krümmen. Unter dem Angriff bleibt eine klare Linie, aber sie ist nicht gerade. Genau das macht Carriers Of The Curse zum idealen Anfang: Man versteht sofort, dass hier nicht einfach eine Tür aufgeht. Hier platzt eine Membran.
The Floating Catacombs trägt einen großartigen Titel, weil er zwei Dinge verbindet, die eigentlich nicht zusammengehören: Katakomben und Schweben. Unten und oben. Grab und Schwerelosigkeit. Der Song macht daraus keinen plumpen Effekt, sondern eine Bewegung zwischen Druck und Taumel. Man steht im Morast, aber die Architektur darüber scheint nicht ganz den Gesetzen der Schwerkraft zu gehorchen. Hier kommen die schrägeren Seiten von Astriferous besonders gut durch. Das Stück bleibt Death Metal, aber es hat diese glitschigen Übergänge, diese morbiden Kurven, diese Momente, in denen ein Riff nicht einfach weitergeht, sondern seitlich abrutscht. The Floating Catacombs ist kein Ruhepunkt. Es ist eher ein Gang, dessen Boden nicht zuverlässig bleibt.
Proto Embryo (The Third Tribulation) ist der Moment, in dem der Albumtitel fast körperlich sichtbar wird. Embryo, Rückbildung, Entwicklung, Tribulation: Das ist kein Songtitel, das ist ein beschädigter Laborbericht. Musikalisch passt das, weil Astriferous hier besonders stark mit Form und Verformung arbeiten. Die Rhythmik wirkt zerschnitten, die Riffs verdrehen sich, und trotzdem fällt der Song nicht auseinander. Gerade diese Balance ist entscheidend. Eine schlechtere Band würde bei solcher Schräglage nur noch wirr klingen. Astriferous behalten den Griff. Sie wissen, wie viel Mutation ein Song verträgt, bevor er nur noch Brei wird. Proto Embryo ist deshalb einer der besten Beweise dafür, dass Atavistic Unraveling nicht bloß ein Ekelalbum ist, sondern ein ziemlich klug gebautes Monster.
Resonance Cascade bildet den langen Endkörper der Platte. Acht Minuten sind in diesem Genre schnell eine Gefahr: zu viel Wiederholung, zu viel Gewölbe, zu viel bedeutungsschweres Auslaufen. Astriferous umgehen das, indem sie den Song nicht als Finale im klassischen Sinn behandeln, sondern als Ausbreitung. Der Track wächst nicht nach oben. Er wuchert auf seltsame Weise seitwärts. Der Titel hat etwas Technisches, fast Wissenschaftliches, und genau das macht ihn spannend. Nach all den Flüchen, Katakomben, Dämonien und embryonalen Bildern kommt am Ende eine Kaskade. Eine Reaktion. Etwas, das weiterläuft, weil es einmal angestoßen wurde. Resonance Cascade fühlt sich deshalb nicht wie ein Schlussstrich an. Eher wie der Moment, in dem man merkt, dass das Experiment längst außerhalb des Behälters weiterarbeitet. Auch das noch.
🎨 Artwork
Das Cover von Atavistic Unraveling ist kein Bild, das man betrachtet. Man wird vielmehr von ihm angestarrt. Über die gesamte Fläche winden sich rote, fleischige Formen: Tentakel, Därme, Schädel, Augen, gezahnte Öffnungen, wurmartige Körper, Knochenbögen, okkulte Symbole. In den Ecken sitzen runde Siegel wie schmutzige Münzen aus einem Ritual, das besser nie beendet worden wäre. Das Bandlogo hängt oben nicht wie ein Name, sondern wie ein getrockneter Ausfluss über der Szene.
Die Farbwelt ist eng: Rot, Schwarz, Braun, fleischiges Rosa, schmutziges Ocker. Dadurch wirkt alles organisch und krank. Nichts hat Luft. Nichts hat Abstand. Man sucht nach einem Mittelpunkt und findet nur weitere Öffnungen. Selbst das zentrale Symbol in der Mitte wirkt nicht wie Ordnung, sondern wie ein Auge, das sich als Sonne tarnt.
Das Cover ist so stark, weil es nicht einfach „eklig“ sein will. Es zeigt Überfülle als Zustand. Diese Welt ist nicht bevölkert von Monstern. Sie besteht aus ihnen. Alles ist Körper, alles ist Zeichen, alles ist Wachstum, alles ist Verfall. Genau so funktioniert auch die Musik von Astriferous: Riffs, Rhythmen und Stimmen erscheinen nicht wie getrennte Elemente, sondern wie Organe desselben kranken Wesens.
Das ist keine Tür zur Unterwelt, sondern die Unterwelt selbst. Als Gewebeprobe.
🪦 Besondere Momente
Der alte Tod wird nicht museal
Astriferous arbeiten hörbar mit klassischem Death-Metal-Erbgut, aber sie legen es nicht in eine Vitrine. Die alten Einflüsse werden nicht nachgestellt, sondern reaktiviert. Deshalb klingt die Platte nicht wie Retro, sondern wie ein Rückfall.
Die Schräglage bleibt spielbar
Viele Bands verlieren den Song, sobald sie zu stark auf Dissonanz und krumme Riffs setzen. Atavistic Unraveling hält dagegen erstaunlich oft den Nacken in Bewegung. Man kann headbangen, obwohl sich der Boden verschiebt. Das ist selten. Und wunderbar schräg.
Costa Rica klingt nicht wie Fußnote
Die Herkunft ist hier kein exotischer Aufkleber. Astriferous zeigen erneut, dass Costa Rica im Death Metal längst nicht mehr nur Randnotiz ist. Diese Szene hat eigene Hitze, eigenen Druck und eine eigene Art von extremem Drang. Atavistic Unraveling trägt das deutlich in sich.
📜 Hintergrund
Astriferous stammen aus Costa Rica und haben sich seit ihren frühen Veröffentlichungen einen Namen im morbiden Death-Metal-Untergrund erspielt. Das Debütalbum Pulsations From the Black Orb erschien 2023 und etablierte die Band als eine der auffälligeren Kräfte einer Szene, die international immer sichtbarer wird.
Mit Atavistic Unraveling folgt nun das zweite vollständige Album. Die LP erscheint über Me Saco Un Ojo Records, die CD-Version über Pulverised Records. Aufgenommen wurde die Platte bei 3/4 Estudios von Andrés Corrales, gemischt von Andrew Oswald bei Paradise Recorders und gemastert von Dan Lowndes im Resonance Sound Studio. Das Cover stammt vom mexikanischen Illustrator Necrodevourer.
Inhaltlich und klanglich bewegt sich Atavistic Unraveling zwischen Fluch, Katakomben, Auflösung, embryonalen Albträumen, Dämonomanie, Erinnerungsschäden und Resonanzkatastrophen. Das klingt nach großer okkulter Wortwolke, wird von Astriferous aber angenehm körperlich umgesetzt. Die Band versteckt sich nicht hinter Begriffen. Sie macht daraus Riffs.
🧬 Fazit: Wenn das Erbgut bereits fault
Atavistic Unraveling ist ein Death-Metal-Album, das seine Herkunft genau kennt, aber nicht starr an ihr festklebt. Astriferous greifen tief in altes Material: finnische Morbidität, südamerikanische Wildheit, US-amerikanische Schieflage, okkulte Dunkelheit. Doch daraus entsteht keine Sammlung von Referenzen. Es entsteht ein Organismus.
Das ist der zentrale Unterschied. Diese Platte klingt nicht gebaut wie ein sauberer Altar. Sie klingt gewachsen. Falsch gewachsen, aber gewachsen. Die Songs hängen miteinander zusammen, als hätten sie denselben Blutkreislauf. Manche bewegen sich schneller, andere schleppen mehr Masse, einige zucken in technische Winkel, andere drücken mit dumpfer Gewalt nach vorn. Aber überall bleibt dieser Eindruck: Unter der Oberfläche arbeitet etwas Uraltes.
Nicht jeder Moment will sofort gefallen. Einige Riffs kriechen nicht in den Kopf, sondern nisten sich seitlich ein. Manche Übergänge wirken bewusst unangenehm. Der lange Abschluss verlangt Geduld. Aber gerade diese Widerstände machen Atavistic Unraveling stärker als viele Death-Metal-Platten, die nur effektiv sein wollen.
Astriferous sind effektiv, ja.
Aber sie sind auch sonderbar. Sehr sonderbar.
Und diese Sonderbarkeit ist eben das Gift, das wie ein Ohrwurm wirkt. Oder wie etwas, das tut, als wäre es nur ein Ohrwurm.
Am Ende hat man nicht das Gefühl, ein Album gehört zu haben, das verfallen ist. Eher eines, das den Verfall als Methode benutzt, um sich weiterzuentwickeln. Death Metal als Rückbildung. Als Mutation. Als Erinnerung des Kadavers an etwas, das vor dem Menschen kam.
Das ist hässlich.
Das ist stark.
Und es lebt… erschreckenderweise.

| Künstler: | Astriferous |
| Albumtitel: | Atavistic Unraveling |
| Erscheinungsdatum: | 26. Juni 2026 |
| Genre: | Death Metal / Old School Death Metal / Dissonant Death Metal |
| Label: | Me Saco Un Ojo Records / Pulverised Records |
| Spielzeit: | ca. 36 Minuten |
🎬 Offizieller Albumstream
Offizieller Full-Album-Stream zu Atavistic Unraveling – das zweite Album von Astriferous, ein krummes, fleischiges und kosmisch verseuchtes Death-Metal-Gewirr aus Costa Rica. Bereitgestellt vom offiziellen Pulverised Records-Channel auf YouTube:
🎼 Trackliste:
Carriers Of The Curse – 4:42
The Floating Catacombs – 4:04
Dissolution Of Eternity – 4:24
Proto Embryo (The Third Tribulation) – 4:43
Arcane Demonomania – 4:58
Mnemonic Phenomena – 5:33
Resonance Cascade – 8:10
👥 Besetzung
Federico Gutierrez – Gitarre / Gesang
Felipe Tencio – Gitarre / Gesang
Jose Maria Arrea – Schlagzeug
José Pablo Phillips – Bass
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