Alex Schulman – Jetzt beginnt das Leben (Rezension)

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Grabhaold checkt das. Die Kurzzusammenfassung der Review. Mit Grabhod dem Kobold, der einen Zeigefinger in die Luft streckt.

Alex Schulman – Jetzt beginnt das Leben

📚 Kurzfazit
Jetzt beginnt das Leben verwandelt ein Telefon in eine Falltür zur Kindheit und baut daraus einen psychologischen Roman über Erinnerung, Gewalt und die verzweifelte Hoffnung, irgendwo in der Vergangenheit eine Erklärung für den Menschen von heute zu finden.

😒 Was kratzt
Oh ja, Schulman konstruiert verdammt präzise. Manchmal fast zu präzise. Irgendwann merkt man, wie sauber die Teile des Erinnerungspuzzles auf ihre vorgesehenen Plätze zulaufen.

✨ Was funktioniert
Die fantastische Idee wird nie toterklärt. Die Leitung funktioniert. Punkt. Dadurch bleibt der Roman unheimlicher, intimer und viel stärker, als es jede pseudowissenschaftliche Zeitreisemechanik geschafft hätte.

☎️ Telefonseelsorge für Fortgeschrittene
Mit dem eigenen achtjährigen Ich sprechen zu können klingt zunächst wie ein therapeutischer Hauptgewinn. Nach diesem Buch möchte man die Nummer vielleicht doch lieber im Altpapier lassen.

🧵 Crowbah meint
Wer seine Kindheit minutengenau rekonstruieren möchte, sollte vorher prüfen, ob Vergessen möglicherweise eine eingebaute Sicherheitsfunktion des Gehirns war.

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☎️ Alex Schulman – Jetzt beginnt das Leben: Wenn am anderen Ende der Leitung die eigene Kindheit wartet

Die Nummer müsste tot sein.

Das Sommerhaus existiert längst nicht mehr in jener Form, der Vater ist vor Jahren gestorben, und überhaupt gibt es für einen Mann von 45 vernünftige Beschäftigungen, die deutlich weniger verdächtig wirken, als Telefonnummern aus vergilbten Unterlagen anzurufen.

Vidar wählt trotzdem. Es klingelt. Dann hebt sein Vater ab.

Kein Geist rauscht durch die Leitung, kein kosmischer Apparat beginnt zu summen, keine erklärfreudige Zeitreisebehörde meldet einen Regelverstoß. Da ist einfach die Stimme eines Menschen, der tot sein sollte. Und irgendwo am anderen Ende des Kabels ist wieder Sommer.

17. Juni 1986.

Alex Schulman braucht in Jetzt beginnt das Leben genau eine unmögliche Sache. Ein Telefon verbindet die Gegenwart mit einem einzigen Tag der Vergangenheit. Danach lässt er die fantastische Idee weitgehend in Ruhe und beobachtet, was ein beschädigter Mensch damit anstellt.

Das Ergebnis ist Phantastik in ihrer vielleicht elegantesten Form: klein im Mechanismus, gewaltig in den Folgen.

Vidar telefoniert sich tiefer in seine Kindheit hinein, rekonstruiert Wege, Uhrzeiten und Gespräche, hört längst verstorbene Stimmen und erreicht schließlich sogar den achtjährigen Jungen, der er einmal war. Gleichzeitig zerfällt sein Leben in der Gegenwart. Nach einem gewalttätigen Vorfall an seiner Schule ist er suspendiert, die Polizei interessiert sich für ihn, und je stärker er versucht, diesen einen Sommertag zu verstehen, desto weniger bekommt er sein jetziges Verhalten unter Kontrolle.

Jetzt beginnt das Leben wird dadurch zu einem Roman über Zeitreise, ohne vom Reisen zu erzählen.

Vidar bewegt sich keinen Zentimeter. Und kommt trotzdem gefährlich weit zurück.


🧭 Worum geht’s eigentlich?

Vidar ist Geschichtslehrer, 45 Jahre alt und gerade dabei, sein bisher leidlich geordnetes Leben vor die Wand zu fahren. Nach einem Vorfall mit einem Schüler wird er vom Unterricht suspendiert. Vidar hat die Kontrolle verloren und kann selbst kaum erklären, weshalb die Situation derart eskaliert ist. Aus einer beruflichen Krise entwickelt sich zunehmend eine strafrechtliche Angelegenheit. Gleichzeitig beginnt er sich auf eine Weise mit dem betroffenen Schüler zu beschäftigen, die seine Lage alles andere als verbessert.

Dann findet Vidar alte Unterlagen seiner Familie. Darunter steht die Telefonnummer des Sommerhauses, in dem er als Kind viel Zeit verbrachte. Er ruft an. Sein verstorbener Vater meldet sich.

Nach weiteren Gesprächen erkennt Vidar die Regel: Die Leitung führt immer zum 17. Juni 1986. Egal, wann er in der Gegenwart anruft, am anderen Ende befindet sich seine Familie an diesem einen Sommertag.

Vidar erreicht seinen Vater. Seine Mutter. Seine Schwester Tora. Und irgendwann sich selbst. Den achtjährigen Vidar.

Damit beginnt eine obsessive Rekonstruktion. Vidar versucht herauszufinden, wo jedes Familienmitglied zu welcher Uhrzeit war, was gesagt wurde, welche Wege jemand nahm und welche Abschnitte dieses Tages in seiner Erinnerung fehlen. Er schreibt auf, ordnet, telefoniert wieder, vergleicht. Ein Mann baut aus Stimmen ein Tatortdiagramm seiner eigenen Kindheit.

Denn etwas stimmt mit diesem 17. Juni nicht. Vidar erinnert sich an vieles: Sommer, Fußball, das Haus, Gerüche, kleine Routinen, familiäre Spannungen. Doch irgendwo in diesem Tag klafft eine Lücke. Und sein heutiger Gewaltausbruch scheint auf eine Weise mit dieser Lücke verbunden zu sein, die ihn zunehmend beunruhigt.

Während Vidar der Vergangenheit immer näherkommt, verliert die Gegenwart ihre Stabilität. Seine Entscheidungen werden extremer, seine Grenzen poröser. Der Wunsch nach Erkenntnis kippt in Besessenheit. Das Telefon gibt ihm Zugang zu seiner Kindheit.

Es gibt ihm allerdings keine Anleitung dafür, was man mit einer Wahrheit macht, sobald man sie gefunden hat.

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🔍 Stärken & Schwächen

🖋 Stil

Alex Schulman schreibt erstaunlich knapp für einen Roman, dessen Hauptfigur fast zwanghaft jedes Detail eines einzigen Tages zusammensetzt. Die Kapitel sind kurz, die Sprache konzentriert, die Bilder präzise. Schulman kann mit wenigen Sätzen Räume öffnen, in denen sofort etwas Unangenehmes hängt. Ein Sommerhaus wird zum Erinnerungsspeicher. Wasser bekommt Bedrohlichkeit. Eine beiläufige Bemerkung eines Erwachsenen kann Jahrzehnte später noch schärfer wirken als eine offene Gewaltszene.

Besonders stark ist seine Kontrolle über das Unausgesprochene. Vidar weiß lange weniger, als der Leser spürt. In seinen Erinnerungen fehlen Teile, doch die emotionale Form der Lücke ist bereits vorhanden. Bestimmte Situationen laden sich auf, bevor wir verstehen, warum. Schulman macht Trauma dadurch zu etwas Körperlichem. Der Kopf erinnert sich vielleicht nicht. Der Körper scheint weniger vergesslich zu sein.

Das fantastische Element wird mit großer Disziplin behandelt. Schulman erklärt das Telefon nicht. Es gibt keine Theorie, keinen Experten, keine technologische Ursache. Die Verbindung zum 17. Juni existiert einfach.

Genau richtig. Denn jede Erklärung hätte die interessanteste Frage verkleinert. Entscheidend ist nicht, warum das Telefon die Vergangenheit erreicht. Entscheidend ist, was Vidar damit macht.

Dadurch nähert sich der Roman stellenweise eher einer Geistergeschichte als klassischer Science Fiction. Die Vergangenheit meldet sich nicht metaphorisch zurück. Sie geht buchstäblich ans Telefon.

Schulmans Sprache hält diese Seltsamkeit stets dicht an der Realität. Die Gegenwart bleibt banal genug, dass die unmöglichen Gespräche noch stärker wirken. Polizeiliche Ermittlungen, Schule, Wohnung, alte Kartons, Pflegeheim, Familienkontakte – alles steht fest auf dem Boden. Mitten darin verläuft diese eine Leitung durch die Zeit.

Ein Kritikpunkt bleibt allerdings : Die Konstruktion ist sichtbar. Je weiter Vidar seinen Tag rekonstruiert, desto stärker merkt man, dass Schulman uns auf eine bestimmte Leerstelle zuführt. Hinweise erscheinen im richtigen Moment, Erinnerungen öffnen sich in der richtigen Reihenfolge, Gesprächspartner liefern weitere Fragmente. Das funktioniert hervorragend als Lesesog, wirkt gelegentlich jedoch etwas zu sauber für einen Roman über die Unzuverlässigkeit von Erinnerung.

Die Maschine unter dem Text ist eben verdammt gut geölt. Man hört sie eben manchmal trotzdem.

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🧍‍♂️ Figuren

Vidar

Vidar ist kein angenehmer Protagonist. Und das ist definitiv eine der besten Entscheidungen des Romans. Er ist beschädigt, einsam, wütend und zunehmend grenzüberschreitend. Seine Kindheit erklärt viel von dem, was in ihm arbeitet. Sie macht seine Handlungen in der Gegenwart dadurch verständlicher, aber keineswegs automatisch akzeptabel.

Gerade diese Spannung verhindert, dass Jetzt beginnt das Leben zu einer einfachen therapeutischen Erlösungsgeschichte wird. Vidar möchte wissen, weshalb er geworden ist, wie er ist. Unter dieser Suche lauert jedoch noch eine zweite Hoffnung: Vielleicht findet sich im Jahr 1986 eine Ursache, die den erwachsenen Mann entlastet.

Schulman lässt ihn damit nicht bequem davonkommen. Das verletzte Kind verdient Mitgefühl. Der erwachsene Vidar trägt trotzdem Verantwortung. Diese beiden Wahrheiten stehen nebeneinander und erzeugen den stärksten Konflikt des Romans.

Besonders bewegend sind die Gespräche mit seinem jüngeren Ich. Der erwachsene Mann hört einen Jungen, dessen Ängste, Hoffnungen und Wahrnehmungen er einmal selbst besessen hat und inzwischen nur noch bruchstückhaft kennt. Darin liegt etwas fast Unerträgliches: Ein Kind begegnet der Zukunft, ohne zu wissen, dass die Stimme am Telefon das Ergebnis seiner eigenen kommenden Jahre ist.

Der Vater

Vidars Vater ist durch das Telefon plötzlich wieder erreichbar, doch Erreichbarkeit und Nähe sind zwei verschiedene Dinge. Der Roman macht aus dem Wiederhören keine sentimentale Totenbeschwörung. Der Vater bleibt der Mensch, der er 1986 war. Er verfügt über kein Wissen darüber, welche Wunden Jahrzehnte später noch offenliegen werden.

Dadurch besitzen die Gespräche eine eigentümliche Härte. Vidar hört einen Menschen aus der Vergangenheit mit dem gesamten Wissen der Zukunft. Der Vater hört lediglich einen Fremden am Telefon. Der Tod hat aus ihm für Vidar eine Erinnerung gemacht.

Die Leitung macht ihn wieder zu einer Person. Und Personen sind meist deutlich komplizierter als Erinnerungen.

Die Mutter

Vidars Mutter trägt einen großen Teil der emotionalen Dunkelheit des Romans. Alkohol, Unberechenbarkeit und emotionale Vernachlässigung haben die Kindheit geprägt. Auch hier arbeitet Schulman wirksamer mit Alltag als mit großen dramatischen Gesten. Für Kinder entstehen tiefe Wunden häufig aus scheinbar kleinen Situationen: fehlender Aufmerksamkeit, unklaren Regeln, wechselnder Stimmung, Angst vor der Reaktion eines Erwachsenen.

Die erwachsene Perspektive versucht, diese Momente zu ordnen. Der achtjährige Vidar musste einfach darin leben. Genau dieser Abstand schmerzt.

Tora

Vidars Schwester Tora besitzt für die Rekonstruktion der Vergangenheit eine entscheidende Funktion. Geschwister teilen eine Kindheit und erinnern sich trotzdem an verschiedene Versionen davon.

Ihre Perspektive verhindert, dass Vidar allein die Deutungshoheit über 1986 bekommt. Das ist wichtig, weil der ganze Roman von der Unsicherheit des Erinnerns lebt. Was Vidar zur zentralen Ursache seines Lebens erklärt, kann für einen anderen Menschen Teil eines größeren Musters sein.

Und damit führt Tora den Roman zu seiner eigentlich unbequemsten Einsicht: Vielleicht existiert gar kein einzelner magischer Moment, nach dessen Entdeckung plötzlich alles verständlich wird. Manchmal besteht die Wunde aus Jahren.

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🕒 Tempo und Aufbau

Jetzt beginnt das Leben liest sich erstaunlich schnell. Das liegt an der Puzzle-Struktur. Jeder Anruf beantwortet etwas und öffnet zugleich die nächste Frage. Wer war wann im Haus? Weshalb fehlt Vidar ein bestimmter Zeitraum? Was geschah mit dem Schüler in der Gegenwart? Wie hängen beide Ebenen zusammen?

Schulman kennt diesen Mechanismus und nutzt ihn sehr effektiv. Die kurzen Kapitel erzeugen dabei fast Thriller-Rhythmus, obwohl der Roman im Kern ein Familiendrama bleibt. Es gibt keine Jagd durch verschiedene Zeitalter, keine Zeitpolizei und keinen großen Kampf gegen eine paradoxe Zukunft. Der Spannungsbogen besteht aus Erinnerung.

Das reicht vollständig. Gerade deshalb wirkt die zunehmende Obsession Vidars so überzeugend. Auch der Leser möchte wissen, was geschah. Damit geraten wir unmerklich in dieselbe Falle wie die Figur: Wir beginnen ebenfalls zu glauben, dass die vollständige Rekonstruktion dieses einen Tages alles erklären könnte.

Schulman spielt geschickt mit diesem Wunsch. Das Finale liefert Antworten, aber der Weg dorthin ist fast wichtiger. Einige Leser werden die Auflösung vielleicht etwas sauberer finden als die psychologische Unordnung, die ihr vorausgeht. Mir geht es ähnlich.

Der Roman verliert dadurch etwas von jener wilden Möglichkeit, die seine fantastische Grundidee eröffnet.

✨ Atmosphäre und Welt

Die stärksten Szenen besitzen eine beinahe gotische Alltäglichkeit. Ein altes Sommerhaus. Eine Telefonnummer. Wasser. Ein Kind auf einem Fußballplatz. Eine Mutter, deren Stimmung den Raum verändert. Ein Vater, der zugleich anwesend und unerreichbar sein kann.

Nichts davon müsste übernatürlich sein. Durch die Telefonverbindung bekommt jedoch jedes Detail einen Schatten.

1986 fühlt sich gleichzeitig warm und bedrohlich an. Schulman versteht hervorragend, wie Kindheitserinnerungen funktionieren: Farben können heller sein, Gerüche intensiver, Landschaften größer. Und zwischen diesen überdeutlichen Bildern fehlen plötzlich ganze Stücke.

Das Sommerhaus wird dadurch fast selbst zur Figur. Es ist Sehnsuchtsort, Tatort, Erinnerungsraum und Gefängnis. Auch das Cover der deutschen Ausgabe trifft diesen Ton ziemlich gut: ein kleines Boot in dunklem Wasser, viel leerer Raum, kaum Halt. Ein Mensch kann auf einem See vollkommen allein wirken, selbst wenn die Familie irgendwo am Ufer wartet.

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🌌 Phantastik mit nur einer unmöglichen Regel

Aber ja: Der Fantasykosmos darf bei diesem Buch ruhig weit über die Genregrenze treten. Denn Jetzt beginnt das Leben ist in einem entscheidenden Punkt ganz eindeutig Phantastik: Eine Telefonnummer verbindet zwei Zeiten. Mehr fantastisches Regelwerk braucht Schulman nicht.

Gerade diese Sparsamkeit zeigt, wie mächtig ein einziges unmögliches Element sein kann. Das Telefon verändert keine Weltgeschichte. Hitler wird nicht verhindert, Aktienkurse werden nicht auswendig gelernt, und niemand versucht, 1986 einen Sportwettenzettel aus der Zukunft durchzugeben.

Das Unmögliche bleibt privat. Ein Mann bekommt Zugang zu seiner eigenen Vergangenheit. Das reicht, um sein komplettes Leben zu erschüttern. Schulman nutzt Zeitreise damit fast in ihrer reinsten Form. Hinter all den bekannten Paradoxien des Genres steckt schließlich eine uralte menschliche Fantasie: Was wäre, wenn wir noch einmal zurückkönnten?

Nicht, um die Welt zu retten, sondern um einen Satz anders zu sagen. Oder um eine Tür früher zu öffnen, einen Menschen zu warnen oder sogar um ein Kind wissen zu lassen, dass irgendwann jemand verstehen wird, was ihm gerade passiert. Diese Sehnsucht gibt dem Roman seine große emotionale Kraft.

🧠 Erinnerung ist kein Archiv

Vidar behandelt den 17. Juni zunächst wie einen historischen Gegenstand. Das passt zu seinem Beruf. Er sammelt Zeugenaussagen, Zeiten und Abläufe. Er erstellt aus seinem eigenen Leben eine Quellenlage. Doch Erinnerung funktioniert nicht wie ein ordentlich geführtes Archiv.

Menschen vergessen, verschieben, ergänzen und schützen sich. Ein Kind versteht Situationen anders als ein Erwachsener. Eine Schwester speichert andere Momente als ihr Bruder. Ein Elternteil erinnert sich womöglich an etwas, das für das Kind lebensbestimmend wurde, kaum noch.

Die Telefonate versprechen Objektivität. Vidar kann schließlich tatsächlich mit 1986 sprechen. Selbst das löst sein Problem nicht vollständig. Denn Fakten und Bedeutung sind verschiedene Dinge.

Man kann herausfinden, wer um 16:30 Uhr wo stand. Damit weiß man noch nicht automatisch, was dieser Moment mit einem Menschen gemacht hat. Hier wird Schulmans Roman am klügsten. Vidar sucht nach dem Ereignis. Nach dem Ursprung. Nach dem einen Punkt, von dem aus sich sein heutiges Leben erklären lässt.

Doch Kindheit besteht nicht aus einer einzigen Explosion. Manchmal ist sie ein Gesamtklima.

☎️ Wenn Therapie plötzlich eine Vorwahl hat

Natürlich liegt der therapeutische Gedanke offen auf dem Tisch. Vidar kann buchstäblich mit seinem inneren Kind sprechen. Das ist beinahe so perfekt, dass es Gefahr läuft, zu perfekt zu werden. Genau hier setzt auch eine der berechtigten kritischen Einwände gegen den Roman an: Schulman baut eine fantastische Maschine, die verblüffend genau zu einem bekannten psychologischen Modell passt. Das kann konstruiert wirken. Und tatsächlich; manchmal tut es das auch.

Trotzdem rettet Vidars Gegenwart den Roman vor einer einfachen Therapiefabel. Der erwachsene Mann wird nicht automatisch besser, weil er mehr versteht. Erkenntnis repariert Verhalten nicht rückwirkend.

Der Roman weiß, dass Selbstverständnis sehr angenehm zur Selbstentschuldigung werden kann. Vidars Vergangenheit verdient Aufmerksamkeit. Seine Gegenwart verlangt Verantwortung.

Diese Spannung ist wesentlich interessanter als jede nostalgische Vorstellung davon, das eigene Kindheits-Ich einmal kurz in den Arm zu nehmen und danach geheilt aufzuwachen.

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📜 Fazit: Die Vergangenheit nimmt ab – aber sie beantwortet nicht jede Frage

Jetzt beginnt das Leben ist ein starker Roman über eine der gefährlichsten menschlichen Sehnsüchte überhaupt: den Wunsch, endlich genau zu verstehen, weshalb das eigene Leben so geworden ist. Alex Schulman gibt seinem Protagonisten dafür ein fantastisches Werkzeug von bestechender Einfachheit. Ein Telefon reicht. Eine Nummer. Ein Tag.

Der 17. Juni 1986 wird für Vidar zum vermeintlichen Mittelpunkt seines Lebens. Er kartiert ihn, zerlegt ihn, hört Stimmen daraus und versucht, jede fehlende Minute zurückzugewinnen. Das erzeugt enormen Sog und verbindet literarischen Familienroman mit Mystery und Zeitreise auf eine Weise, die erstaunlich natürlich wirkt.

Besonders stark ist der kleine Vidar. Schulman schreibt Kindheit ohne nostalgischen Schutzlack. Erwachsene können gleichzeitig geliebt und gefürchtet werden. Ein Zuhause kann Geborgenheit und Gefahr tragen. Kinder verfügen selten über die Sprache, um das zu erklären. Sie entwickeln andere Strategien.

Der erwachsene Vidar ist komplizierter. Er überschreitet Grenzen, verletzt Menschen und sucht gleichzeitig nach der Ursache seiner eigenen Beschädigung. Genau dadurch bekommt der Roman moralische Spannung. Vergangenheit erklärt. Sie spricht keinen Freispruch.

Ganz bis zur Höchstwertung reicht es für mich nicht. Die Konstruktion wird mit zunehmender Dauer sichtbar, manche psychologische Verbindung erscheint einen Tick zu sauber gesetzt, und wer Schulmans frühere Bücher kennt, erkennt erneut seine große Obsession: Kindheit, Eltern, Verletzung, Erinnerung. Die fantastische Form ist neu. Der emotionale Boden darunter sehr vertraut.

Aber was für eine Form das ist. Schulman braucht keine komplexe Welt, kein Magiesystem und keine kosmologische Erklärung. Er nimmt einen Telefonhörer und verbindet einen Mann mit dem Kind, das er einmal war.

Mehr Phantastik braucht eine Geschichte manchmal nicht. Und wenn nach dem Auflegen etwas bleibt, dann vielleicht diese unangenehme Erkenntnis: Wir würden wahrscheinlich alle gern einmal mit unserer Vergangenheit sprechen.

Die eigentliche Frage ist, ob wir wirklich hören wollen, was sie uns zu sagen hat.

🌟 Bewertung

Varanthis-Skala: ★★
„Eine leise, präzise und emotional harte Zeitreise durch das Telefon. Brillant konstruiert, psychologisch packend und nur gelegentlich einen Tick zu sauber auf seine große Erinnerungslücke zugespitzt.

Cover von Alex Schulmans Jetzt beginnt das Leben mit einem einzelnen Ruderboot auf dunkelblauem Wasser, viel freier Wasserfläche und weißer sowie rosafarbener Titelschrift.

Autor: Alex Schulman
Titel: Jetzt beginnt das Leben
Reihe: Einzelroman
Verlag: dtv
Übersetzung: Hanna Granz (Originalsprache: Schwedisch)
Seitenanzahl: 352 Seiten, Hardcover
Erstveröffentlichung: 2026
ISBN: 978-3-423-28579-7

Das Symbolbild für Leseproben von aktuellen Fantasy-Romanen.
Leseprobe zu Jetzt beginnt das Leben von Alex Schulman bei dtv
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