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Ad Finem Omnia – Senectus Viae
🧿 Kurzfazit
Senectus Viae klingt wie ein Black-Metal-Pilgerweg durch verdorrtes Land: melodisch, kalt, ernst und von einer seltsamen Alterswürde getragen. Pablo Vera führt Ad Finem Omnia nach dem Debüt auf einen kargeren, persönlicheren Pfad, ohne die klassische 90er-Schlagader zu kappen. Die Platte rennt, wo der Wind treibt, und hält inne, wo der Verfall genauer betrachtet werden will.
🎯 Für wen?
Für Hörer, die melodischen Black Metal nicht als bloße Riff-Schönheit verstehen, sondern als Wegmusik mit Frost im Rücken. Wer lange Gitarrenlinien, straffe Drums, rauen Gesang und diese Mischung aus Schwermut, Tempo und alter Formensprache schätzt, bekommt hier ein Album, das mit jedem Durchlauf mehr Kontur zeigt.
🎧 Wie klingt das?
Die Orientierung führt in die Nähe alter skandinavischer und finnischer Black-Metal-Schulen, aber Ad Finem Omnia wirken nie wie ein chilenischer Nachbau fremder Wälder. Eher wie eine Band, die die alten Karten kennt, sie faltet, in die Tasche steckt und dann unter anderem Himmel losgeht. Man hört den klassischen melodischen Zug, doch die trockene, fast asketische Stimmung macht daraus etwas Eigenes.
🎼 Highlights
The Hermit and the Wind, Anguish and Revelation, Senectus Viae
⛔ Für wen eher weniger geeignet?
Wer im Black Metal nur rohen Lärm, reines Tempo oder stumpfe Bosheit sucht, wird hier vermutlich zu wenig Schutt finden. Senectus Viae arbeitet mit Linie, Haltung und Melancholie. Die Aggression bleibt vorhanden, aber sie läuft in Stiefeln über einen langen Pfad, statt blind durch die Wand zu schlagen.
🪦 Ad Finem Omnia – Senectus Viae: Der letzte Pfad kennt keine Eile
Manchmal reicht ein Blick aufs Cover, um das Tempo eines Albums sofort zu verstehen. Bei Senectus Viae sieht man keinen Triumphzug, sondern eine Wanderung durch eine Welt, die schon vor dem ersten Schritt alt war. Tote Bäume, gekrümmte Linien, ein zerfurchter Himmel, hängende Körper, Schädel im Gelände und in der Mitte eine Gestalt, die eher Zeuge als Held ist. Alles wirkt wie mit schwarzer Tinte in morsches Papier geritzt. Diese Landschaft hat Zeit. Sie muss niemanden beeindrucken. Sie wartet einfach, bis der Mensch darin kleiner wird.
Genau so klingt dieses zweite Album von Ad Finem Omnia.
Pablo Vera nimmt den melodischen Black Metal des Debüts No Peace · No Dawn auf, zieht ihn enger an den Körper und macht daraus eine Platte über Ausdauer, Zerfall, innere Klärung und den langen Gang in Richtung Ende. Das ist Black Metal mit starkem 90er-Echo, aber ohne den muffigen Gestus einer Stilübung. Die Riffs tragen Melodie, die Drums treiben mit eiserner Zielrichtung, die Stimme kratzt über der Musik wie Wind über trockenem Holz. Und dennoch hat Senectus Viae Würde. Eine spröde, unfreundliche, sehr beherrschte Würde. Die Ironie daran: Für ein Album über Alter klingt hier fast gar nichts müde.
Ad Finem Omnia arbeitet mit klassischer Sprache, aber mit wachem Blick. Die Songs rennen, wo sie rennen müssen, sie öffnen sich, wo Atmosphäre Gewicht bekommt, und sie halten eine melancholische Linie, die nie bloß hübsch wird. Das ist der entscheidende Punkt. Diese Melodien wollen nicht trösten. Sie geben dem Verfall eine greifbare Form.
Senectus Viae ist damit kein Album für Leute, die Black Metal nur als Sturm auf Knopfdruck brauchen. Es ist eher eine Wegmarke für Hörer, die wissen, dass Kälte auch durch Geduld entstehen kann.
🎧 Was erwartet dich?
Genre(s): Melodic Black Metal, Atmospheric Black Metal, Old-School Black Metal
Vergleichbar mit: Senectus Viae steht in jener Ecke des Black Metal, in der Melodie nicht schmückt, sondern führt. Die Gitarren erinnern an den klassischen Zug der 90er, an elegische Linien, an Riffs, die weniger zerhacken als schneiden. Man hört skandinavische und finnische Verwandtschaft, doch das Album wirkt nicht wie eine Reisebroschüre durch bekannte Wälder. Es klingt eher wie ein chilenischer Einzelgänger, der die alten Karten gelesen hat und nun einen eigenen, sehr staubigen Pfad nimmt.
Klangfarbe: Die Produktion hält das Album dunkel, aber lesbar. Die Gitarren haben Biss und Kontur, die Drums treiben den Weg voran, und die Stimme bleibt rau genug, um der Melancholie keine höfliche Oberfläche zu geben. Gerade das macht die Platte wirksam: Sie ist melodisch, aber nie weich. Sie wirkt atmosphärisch, aber nicht ziellos. Die Songs tragen ihre Gedanken mit erhobenem Kopf, selbst wenn der Boden darunter längst bricht.
Das Intro öffnet die Tür mit gedämpfter Stimmung, danach wird der Weg sofort größer. Ad Finem Omnia setzt auf Spannungsbögen, die nicht über Luxus entstehen, sondern über Beharrlichkeit. Riffs kehren wieder, Melodien ziehen weiter, die Drums halten den Körper in Bewegung. Man merkt der Platte an, dass sie aus einem starken inneren Konzept kommt. Hier wird nicht dekoriert. Hier wird freigelegt.
🔥 Highlights: Drei Marksteine auf dem letzten Pfad
The Hermit and the Wind
Nach dem Intro ist The Hermit and the Wind der eigentliche Eintritt in diese Welt. Der Song trägt den Einsiedler bereits im Titel, und tatsächlich wirkt er wie eine Figur, die gegen Wind, Erinnerung und eigene Sturheit anläuft. Die Melodien sind stark, aber nicht bequem; sie haben diesen aufrechten Zug, der guten melodischen Black Metal von bloßer Riff-Romantik unterscheidet. Besonders gelungen ist die Balance aus Drang und Weite. Der Song bewegt sich entschlossen nach vorn, lässt aber genug Raum, damit die Atmosphäre ihre Arbeit tun kann. Hier wird das zentrale Motiv des Albums greifbar: Der Weg ist alt, der Wanderer müde, doch das Gehen selbst bleibt eine Form von Widerstand.
Anguish and Revelation
Anguish and Revelation ist der emotionale Kern der Platte. Der Titel formuliert bereits den Mechanismus: Qual als Öffnung, Erkenntnis als Wunde, Klarheit als Zumutung. Genau so arbeitet der Song. Die Gitarrenlinien steigen nicht einfach auf, sie ringen sich hoch. Die Rhythmik gibt dem Stück festen Schritt, während die Stimme darüber wie eine Anklage gegen jedes bequeme Ausweichen wirkt. Hier zeigt Ad Finem Omnia, wie gut dieses Album mit Pathos umgehen kann. Es wird feierlich, aber nicht hohl. Es wird eindringlich, aber nicht überladen. Die Melodie trägt den Schmerz, statt ihn mit Puder zu bestäuben. Wer verstehen will, warum Senectus Viae mehr ist als ein solides Stilalbum, landet genau hier.
Senectus Viae
Der instrumentale Titeltrack als Abschluss ist eine kluge Entscheidung. Nach all den Worten, Schreien und philosophischen Motiven bleibt am Ende der Weg selbst. Senectus Viae rennt nicht ins Ziel, sondern wirkt wie ein letzter Abschnitt, auf dem Körper und Landschaft fast ineinanderfallen. Die Gitarren übernehmen das Erzählen, die Drums halten den Puls, und das Album verabschiedet sich mit Bewegung statt mit großem Grabrednergestus. Das ist ein starkes Ende, weil es den Titel ernst nimmt. Alter bedeutet hier keine Erstarrung. Der Pfad ist uralt, aber er führt weiter. Vielleicht gerade deshalb.
🎨 Artwork
Das Cover von Senectus Viae wirkt wie eine Illustration aus einem verfluchten Reisebericht. Auf vergilbtem Grund zieht sich eine karge Landschaft in feinen schwarzen Linien auseinander. Tote Bäume greifen in einen windverzerrten Himmel, Schädel und Körper liegen im Gelände, an Ästen hängen Gestalten, und im Zentrum geht eine einsame Figur auf einen Horizont zu, der eher Endpunkt als Hoffnung verspricht. Oben steht das Logo wie ein dunkles Siegel, unten liegt der Titel in alter Schrift. Alles sieht aus, als hätte jemand eine Pilgerkarte der Erschöpfung gezeichnet.
Gerade diese Handzeichnung passt hervorragend zum Album. Sie wirkt alt, aber nicht museal; detailreich, aber nicht überladen; makaber, aber mit einem trockenen Sinn für schwarze Romantik. Man spürt beinahe den Wind in den Linien. Diese Welt ist nicht leer, sie ist verbraucht. Das ist ein wichtiger Unterschied.
Das Cover erzählt keine große Schlacht. Es zeigt die Zeit nach den großen Gesten. Was bleibt, ist ein Weg durch Reste, Knochen, Zweige, Erde und Erinnerung. Genau darin trifft es die Musik: Ad Finem Omnia suchen auf Senectus Viae keine billige Erhebung, sondern eine Form von Würde im Verfall.
🪦 Besondere Momente
Der Alleingang verändert die Temperatur
Aus dem früheren Duo ist hier im Kern ein Solo-Werk von Pablo Vera geworden. Das hört man nicht als Bruch, sondern als Verdichtung. Senectus Viae wirkt geschlossener, strenger und persönlicher, als hätte jemand den Raum verkleinert, damit jedes Geräusch stärker zurückschlägt.
Ricardo Araya als Schatten im Gebäude
Obwohl Ricardo Araya nicht mehr Teil der aktuellen Kernbesetzung ist, bleibt seine Spur wichtig. Abolish God stammt kompositorisch und textlich von ihm, außerdem verantwortet er Mix und Mastering. Dadurch trägt das Album eine interessante Spannung: neuer Alleingang, alte Verbindung, fortgesetzte Linie. Ein schöner Fall von Black-Metal-Kontinuität ohne feierliches Familienfoto.
Das Thema Alter trifft auf musikalische Ernsthaftigkeit
Man kennt das durchaus. Viele Alben nutzen Begriffe wie Verfall, Ende oder Zeit als Dekor. Senectus Viae baut daraus seinen Gang. Die Stücke wirken nicht gehetzt, obwohl sie Tempo kennen. Sie tragen eine Haltung, die besser zu einem langen Weg passt als zu einem kurzen Ausbruch. Das macht die Platte reifer, ohne sie zahm zu machen.
Zum Schluss bleibt Sprachlosigkeit
Der instrumentale Abschluss ist mehr als ein hübscher Kniff. Er nimmt dem Album am Ende die menschliche Erklärung weg und lässt nur Bewegung, Riff und Richtung übrig. Das passt zu einem Werk, das von innerer Klärung spricht: Irgendwann muss der Pfad selbst reichen.
📜 Hintergrund
Ad Finem Omnia stammen aus Santiago de Chile und wurden 2020 gegründet. Das Projekt war zunächst eng mit Pablo Vera und Ricardo Araya verbunden, beide auch aus dem Umfeld von Sol Sistere bekannt. Bereits das Debüt No Peace · No Dawn von 2022 zeigte die Richtung: melodischer, melancholischer Black Metal mit klassischem Fundament, aber ohne bloße Retro-Pflege.
Inzwischen liegt die kreative Verantwortung vor allem bei Pablo Vera. Für Senectus Viae übernahm er Instrumente, Arrangements, Komposition und Texte, während Abolish God aus der Feder von Ricardo Araya stammt. Die Schlagzeugaufnahmen wurden von Carlos Fuentes im Sonido Origen Studios betreut; Mix und Mastering übernahm Araya im Aphelion Studios. Das Cover stammt von Daniel Hermosilla alias Nox Fragort Art, die Fotografie von Marisol Correa Corales.
Das Album erscheint über Purity Through Fire und führt die Linie des Debüts konsequent fort. Es geht um Verfall, Ausdauer, Einsamkeit, Klärung und jenen Punkt, an dem der Mensch auf dem Weg nur noch das Wesentliche mitnehmen kann. Der lateinische Titel wirkt dabei nicht wie bloße Gelehrtenpose, sondern wie eine passende Klammer: ein alter Pfad, ein alternder Blick, ein Ende, das seine Schritte zählt.
🌬️ Fazit: Nur der Wind weiß, wer weitergehen wird
Senectus Viae ist ein Album mit klarer Haltung. Es will nicht durch Schock gewinnen, auch nicht durch überbordende Originalität. Seine Stärke liegt in der Konsequenz, mit der Ad Finem Omnia einen alten Black-Metal-Wortschatz nimmt und daraus eine persönliche Wegmusik formt.
Natürlich hört man die Herkunft der Sprache. Die melodischen Linien, die 90er-Prägung, die nordische Strenge im Riffgefühl – das alles ist längst vertrautes Gelände. Doch Pablo Vera führt diese Elemente mit genug Ernst und Konzentration, dass daraus keine bloße Stilkopie wird. Die chilenische Herkunft ist dabei kein exotisches Etikett, sondern ein stiller Abstand zu den üblichen Koordinaten. Der Frost kommt hier aus der Form, nicht aus der Postkarte.
Am stärksten ist Senectus Viae, wenn das Album seinen eigenen Schritt findet. The Hermit and the Wind öffnet den Weg mit Größe und Einsamkeit, Anguish and Revelation legt den inneren Riss frei, und Senectus Viae lässt am Ende die Instrumente sprechen, als wäre jedes Wort zu viel. Dazwischen hält die Platte ein bemerkenswert geschlossenes Niveau, auch wenn einzelne Passagen sehr klar im vertrauten Genregebiet bleiben.
Das macht den Reiz aus. Dieses Album behauptet nicht, den Black Metal neu zu erfinden. Es geht mit alten Werkzeugen weiter, bis sie wieder Funken schlagen. Und manchmal ist genau das stärker als der nächste verzweifelte Versuch, unbedingt anders zu sein.
Der letzte Pfad kennt keine Eile. Er kennt nur den nächsten Schritt.

| Künstler: | Ad Finem Omnia |
| Albumtitel: | Senectus Viae |
| Erscheinungsdatum: | 6. Juli 2026 |
| Genre: | Melodic Black Metal / Atmospheric Black Metal / Old-School Black Metal |
| Label: | Purity Through Fire |
| Spielzeit: | ca. 42 Minuten |
🎬 Offizieller Track-Stream
Offizieller Track-Stream zu „Anguish and Revelation“ – ein zentraler Blick auf Ad Finem Omnias zweites Album Senectus Viae, zwischen melodischem Black Metal, innerer Prüfung und karger Wegsymbolik. Bereitgestellt vom offiziellen Purity Through Fire-Kanal auf YouTube:
🎼 Trackliste:
Intro – 1:36
The Hermit and the Wind – 7:08
Inner Decay – 4:59
Anguish and Revelation – 6:22
The Leaf That Refused the Light – 5:32
Where Existence Fails – 5:06
Abolish God – 5:02
Senectus Viae – 6:03
👥 Besetzung:
Pablo Vera – alle Instrumente / Gesang / Komposition / Arrangements / Texte
Ricardo Araya – Musik und Text auf Abolish God / Mix und Mastering
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