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A. S. Tamaki – Das Buch der gefallenen Blätter
📚 Kurzfazit
Das Buch der gefallenen Blätter ist epische Fantasy mit hohem Anspruch, spürbarer kultureller Prägung und viel Sinn für Macht, Erinnerung und Gewalt. Stark in Atmosphäre und Weltbau, deutlich schwankender in Tempo und Figurenführung.
😒 Was kratzt
Zu viele Perspektiven, zu viel Aufbau und definitiv zu viele Wiederholungen. Der Roman will früh groß wirken und braucht dafür lange, sehr lange Anlaufbahn.
✨ Was funktioniert
Die Welt. Die politische Lage. Die Onryō. Das Gefühl eines Reiches, das innerlich längst fault, bevor es äußerlich zusammenbricht.
⚔️ Krieg und Geister
Hier kämpfen keine dekorativen Fraktionen um den üblichen Thronkram. Jeder Gewaltakt hinterlässt Spuren, und diese Spuren bekommen Zähne. Rachsüchtige Totengeister sind eben die ehrlichste Form historischer Aufarbeitung.
🧵 Crowbah meint
Puh. Wenn ein Roman 624 Seiten braucht, um den Krieg richtig aufzudrehen, ist das entweder Größenwahn oder ein Plan. Bei Tamaki ist es von beidem etwas.
🍂 A. S. Tamaki – Das Buch der gefallenen Blätter: Wenn jeder Frieden nur der Atemzug vor dem nächsten Krieg ist
Es gibt Fantasyromane, die den Leser mit einem Messer begrüßen. Ein Krieg, ein Verrat, eine Leiche im ersten Kapitel, und dann bitte alle rennen. A. S. Tamaki geht einen anderen Weg. Das Buch der gefallenen Blätter öffnet seine Tore breit, lässt Wind durch Tempel, Paläste, Klöster und Gebirgspfade ziehen und baut erst einmal ein ganzes Reich auf, bevor es ihm den Boden unter den Füßen wegzieht.
Das ist ehrgeizig. Und es ist natürlich auch riskant.
Denn dieser Auftakt von Herbst des Imperiums will sehr viel auf einmal sein: Clanepos, Bürgerkriegssaga, Götterfantasy, Dämonengeschichte, Schicksalsroman und kulturgeprägte Machtfantasy in deutlich japanisch inspiriertem Gewand. Wer sich auf diese 624 Seiten einlässt, bekommt reichlich Stoff, starke Bilder und ein Finale, das endlich mit offenem Visier kämpft. Man bekommt aber auch einen Roman, der sich in seiner ersten Hälfte an manchen Stellen so lange aufbaut, bis man fast versucht ist, selbst zum Schwert zu greifen.
Und genau dort liegt die Wahrheit über dieses Buch: Es ist groß, ambitioniert und stellenweise tatsächlich beeindruckend, aber es verlangt auch die Geduld eines Mönchs, der seit drei Tagen an derselben Glocke zieht.
🧭 Worum geht’s eigentlich?
Im Zentrum stehen Sen Hoshiakari und Rui, zwei Figuren aus völlig unterschiedlichen Welten, die doch in derselben Blutströmung der Geschichte landen.
Sen ist der Sohn eines gestürzten Clans. In der Nacht, in der die Rebellion seines Vaters scheitert, wird seine Familie ausgelöscht und seine Zukunft mit ihr. Er verliert Herkunft, Schutz und Anspruch, trägt aber den alten Zorn wie ein glimmendes Stück Metall weiter mit sich herum. Sein Ziel ist klar: das Verlorene zurückholen, den Namen seines Hauses wieder aufrichten und den Preis dafür in Kauf nehmen.
Rui rettet in jener Nacht sein Leben. Sie stammt nicht aus den hohen Schichten des Reiches, wirkt lange getriebener, unsicherer, suchender. Doch gerade sie erweist sich als jene Figur, in der die größere, übermenschliche Bewegung des Romans zusammenläuft. Ihre Seele berührt Mächte, die weit über höfische Intrigen hinausgehen. Götter, Vorfahren, Geister und alte Bindungen greifen bei ihr tiefer ins Geschehen ein als bei vielen der lauteren Spieler.
Der Hintergrund ist ein Reich, das sich bereits im Herbst befindet, auch wenn viele Figuren das noch nicht wahrhaben wollen. Clans belauern einander, Machtwechsel werden vorbereitet, religiöse Spannungen brechen auf, und überall liegt das Gefühl in der Luft, dass dieser Frieden nur noch verwaltet wird, während der nächste Krieg schon an der Tür kratzt.
Dazu kommen die Onryō, rachsüchtige Totengeister, die aus Gewalt, ungeklärter Schuld und ungesühnter Vergangenheit entstehen. Das ist einer der stärksten Einfälle des Romans, weil Tamaki damit Krieg nicht bloß politisch oder militärisch erzählt, sondern metaphysisch. Jede Grausamkeit kann weiterleben. Jede Bluttat kann zurückschlagen. Die Welt merkt sich, was man ihr antut.
Und so wächst aus Sens Rache, Ruis Berufung und den Kämpfen der Mächtigen eine Geschichte, die immer größer wird: vom gestürzten Clan über den Bürgerkrieg bis hin zu einer Welt, in der Menschen, Götter und Geister längst nicht mehr sauber voneinander getrennt bleiben.
🔍 Stärken & Schwächen
🖋 Stil
Tamaki schreibt mit großer Ernsthaftigkeit und einem spürbaren Gespür für Ton, Geschichte und Bedeutung. Der Roman will Würde ausstrahlen, und oft gelingt ihm das. Landschaften, Hallen, Schreine, Waffen, Prozessionen und blutgetränkte Erinnerungen besitzen Gewicht. Die Sprache trägt das Bewusstsein, dass hier nicht bloß ein Abenteuer erzählt wird, sondern ein Reich am Rand seiner inneren Auflösung.
Besonders stark ist, wie der Roman Atmosphäre aufbaut. Nebel über Bergen, rote Blätter, Schwertstahl, Tempelhöfe, Geistererscheinungen und das Gefühl der aus dem Gleichgewicht geratenen Ordnung ergeben zusammen eine dichte, fast feierliche Stimmung. Das Buch der gefallenen Blätter hat oft genau jene Gravitas, die man sich von großer epischer Fantasy wünscht.
Was den Stil schwächt, ist sein Hang zur Wiederholung und zum Ausformulieren. Tamaki vertraut der Wirkung seiner Bilder nicht immer genug. Gefühle, Motive und politische Zusammenhänge werden häufiger noch einmal betont, obwohl sie bereits angekommen sind. Dazu kommt eine Erzählweise, die viele Informationen transportieren will und sich dabei gelegentlich selbst verlangsamt.
So entsteht ein seltsamer Widerspruch: Der Roman klingt groß und bedeutend, bremst sich aber immer wieder durch Übererklärung. Man spürt das Talent, man spürt die Absicht, man spürt nur leider manchmal auch jede zusätzliche Schleife.
🧍♂️ Figuren
Sen Hoshiakari
Sen ist der klassischere Pol der Geschichte: enteigneter Erbe, gestürzte Herkunft, alte Schuld, brennender Wille zur Wiederherstellung. Das trägt zunächst gut, weil Tamaki ihm genug Verletzung und Härte mitgibt, damit er nicht wie ein beliebiger Racheprinz aus dem Katalog wirkt.
Gleichzeitig bleibt Sen in manchen Passagen stärker Funktion als Überraschung. Er verkörpert Pflicht, Wut, Erinnerung und den Drang, eine verlorene Ordnung zurückzuholen. Das ist solide, aber nicht immer aufregend. Wo andere Figuren offener und schwerer einzuordnen wirken, bewegt Sen sich gelegentlich sehr sauber auf seiner vorgesehenen Bahn.
Rui
Rui ist die interessantere Figur. Sie beginnt von unten, ohne die gesicherte Identität oder Zielklarheit vieler anderer Figuren, und gewinnt gerade dadurch Tiefe. Während Sen weiß, wofür er kämpft, muss Rui oft erst begreifen, was überhaupt in ihr angelegt ist. Dass sich über sie die Verbindung zu Göttern, Schicksal und spiritueller Unruhe verdichtet, macht sie zum eigentlichen Magneten des Romans.
Sie ist weniger laut als Sen, weniger programmatisch, dafür offener für Entwicklung. Genau deshalb bleibt sie stärker im Kopf.
Die Ensemblefiguren
Der Roman lebt ausdrücklich nicht nur von zwei Hauptfiguren. Kai, Yora und weitere Stimmen aus Hof, Familie, Religion und Machtapparat erweitern das Bild des Reiches. Das ist nötig, weil Das Buch der gefallenen Blätter kein eng geführter Questroman sein will, sondern eine größere historische Bewegung erzählt.
Hier liegt allerdings auch ein Problem. Viele Perspektiven machen die Welt reicher, zerstreuen aber zugleich Aufmerksamkeit. Manche Figuren gewinnen sofort Kontur, andere bleiben eher als Teil eines politischen Musters in Erinnerung. Das Ensemble ist also substanziell, aber nicht durchgehend gleich stark geführt.
Die Folge: Man respektiert viele dieser Figuren mehr, als man sich wirklich an sie binden möchte.
🕒 Tempo und Aufbau
Hier kommen wir zum Elefanten im Ahornwald. Die erste Hälfte dieses Buches ist langsam. Nicht elegant langsam und gewiss nicht meisterhaft schwelend langsam. Eher die Sorte langsam, bei der man immer wieder anerkennend nickt und gleichzeitig denkt: Ja, gut, jetzt dürftet ihr langsam auch mal richtig loslegen.
Tamaki baut gründlich auf. Clans, Loyalitäten, Spannungen, spirituelle Grundlagen, politische Konstellationen und innere Konflikte bekommen reichlich Raum. Das ist prinzipiell sinnvoll. Nur fehlt oft der Druck, der diese langen Vorbereitungen elektrisieren würde.
Erst später gewinnt der Roman deutlich mehr Zug. Wenn Krieg, Geist und Schicksal enger ineinandergreifen, fangen die vielen Vorarbeiten an, Ertrag zu bringen. Dann zeigt sich, warum Tamaki sich diese Breite gegönnt hat. Das Finale wirkt größer, weil der Unterbau tatsächlich vorhanden ist.
Trotzdem bleibt der Weg dorthin an mehreren Stellen zu zäh. Ein Roman darf Umfang haben. Er sollte sich nur nicht ständig so anfühlen, als müsse er zwanghaft der Welt seinen eigenen Umfang beweisen.
✨ Atmosphäre und Welt
Klar, das ist schon fast ein Gebot der Logik: Hier spielt Tamaki seine größte Stärke aus. Das Reich fühlt sich nicht wie schnell zusammengeklebte Fernost-Dekoration an, sondern wie ein ernsthaft gedachtes Machtgefüge mit Clans, Spiritualität, Kriegslogik und historischen Schichten. Die offensichtliche Inspiration durch japanische Stoffe und Erzähltraditionen ist nicht bloß Oberfläche, sondern trägt die Struktur des Romans.
Besonders gelungen sind die Onryō. Sie machen Gewalt konkret nachwirkend. Der Krieg endet nicht, sobald die Waffen schweigen. Er kriecht weiter durch Familien, Orte, Legenden und Seelen. Aus Hass, Schuld und ungesühnten Taten wird in dieser Welt buchstäblich eine übernatürliche Bedrohung.
Auch die Verbindung von Göttern, Vorfahren und menschlichem Handeln hebt den Roman über Standard-Epic-Fantasy hinaus. Hier ist das Übernatürliche keine hübsche Effektbeleuchtung, sondern Teil der historischen und moralischen Ordnung. Menschen leben in einer Welt, die auf ihre Verfehlungen antwortet. Das ist stark gebaut und liest sich stellenweise sogar noch stärker.
🍁 Was dieses Buch eigentlich verhandelt
Unter Schwertkämpfen, Clans und Geistern arbeitet Das Buch der gefallenen Blätter an einer ziemlich klaren Idee: Gewalt verschwindet nicht, nur weil Sieger sie umbenennen.
Familien tragen alte Schuld weiter. Reiche verwalten Ruhe, während unter der Oberfläche längst Risse laufen. Menschen berufen sich auf Ehre, Ahnen und Ordnung, richten aber mit demselben Pathos Verwüstungen an, die sich später als Geister, Flüche oder historische Narben zurückmelden.
Darum passt der Titel so gut. Gefallene Blätter klingen ruhig, beinahe poetisch. In diesem Roman tragen sie aber den Geschmack eines Herbstes, der nicht romantisch ist, sondern vor dem Zusammenbruch steht.
Tamaki erzählt vom Ende einer Ordnung, die noch so tut, als sei sie intakt. Das ist die eigentliche Kraft des Buches.
📜 Fazit: Große Blätter, schwere Last
A. S. Tamaki liefert mit Das Buch der gefallenen Blätter einen Auftakt, der in seiner besten Form genau das ist, was große Fantasy sein soll: weit, ernst, mythisch, blutig, kulturell geprägt und voller Spuren vergangener Gewalt.
Die Welt überzeugt. Die Atmosphäre trägt. Die Onryō gehören zu den stärksten Elementen des Romans. Rui entwickelt sich zur interessanteren Hauptfigur, und wenn das Buch endlich in seine Konflikte hineingreift, wird spürbar, wie viel Potenzial in diesem Stoff steckt.
Der Haken ist der Weg dahin. Zu viele Perspektiven, zu viele Wiederholungen, zu viel Anlauf kosten dem Roman Schärfe. Man bewundert häufig, was Tamaki will. Man genießt es nur nicht jederzeit im selben Maß, wie man es respektiert.
Das ist kein Misserfolg. Ganz im Gegenteil. Es ist eine ambitionierte, gehaltvolle und klar rezensierbare Fantasy, die jedoch an ihrer eigenen Größe etwas schwer trägt.
Eine gute Drei also. Mit der Aussicht, dass Band 2 daraus sehr leicht mehr machen kann, wenn Tamaki den Griff strafft und erzählerisch früher zuschlägt.
🌟 Bewertung
Varanthis-Skala: ★★★☆☆
„Große epische Fantasy mit starker Welt, eindrucksvoller Mythologie und viel Gewicht. Leider erzählerisch zu langatmig und zu breit, um daraus schon im Auftakt mehr als eine gute Drei zu machen.“

Autor: A. S. Tamaki
Titel: Das Buch der gefallenen Blätter
Reihe: Herbst des Imperiums, Band 1
Verlag: Klett-Cotta / Hobbit Presse
Übersetzung: Michael Pfingstl
Seitenanzahl: 624 Seiten, gebundenes Buch
Erstveröffentlichung: 2026
ISBN: 9783608967517
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