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Nico Schlotterbeck und die Verlängerung mit eingebautem Fluchttor
🌎 Ein Schreiben aus dem Spielertunnel von Schwarzgelb, wo Treueschwüre neuerdings bis 2031 gelten, sofern vorher noch irgendwo ein lukrativer leuchtender Ausgang aufspringt.
Dieses Mal kam kein versiegeltes Schreiben aus irgendeinem Staatskeller. Stattdessen lief kurz nach Abpfiff ein zerknitterter Ausdruck aus dem Bauch eines alten Pressekopierers, den offenbar jemand in der Mixed Zone mit verschwitzten Händen, Tunnelstaub und einer halben Stunde schlechter Laune gefüttert hatte. Oben rechts klebte noch Rasenabrieb, unten links eine verwischte Kreidemarkierung, und in der Mitte stand in jener entschlossenen Spielersprache, die immer dann auftaucht, wenn ein Verein Ruhe will und die Kurve bereits etwas ganz anderes beschlossen hat.
Absender ist tatsächlich Nico Schlotterbeck, Innenverteidiger aus der Schwarzgelben Vorstadt der Zwischenreiche, Grätschenfürst höchster Kategorie, Souverän seiner eigenen Karriereplanung und Schutzpatron aller Vertragsverlängerungen, die verblüffenderweise wie Bleibebekenntnis und Fluchtroute zugleich klingen.

✉️ Der Brief
„Ein Vertrag ist schnell unterschrieben. Die eigentliche Arbeit beginnt dort, wo alle anderen hineinlesen, was nie drinstand.“
– Aus dem Kabinentraktat Zwischen Wappen und Ausgangstür (erschienen bei Tunnel & Tinte)
An die vertragsromantische Chefredaktion des Fantasykosmos,
ich habe eure Reaktionen mitbekommen. Die große Enttäuschung. Das beleidigte Seufzen. Das Theater um Klauseln, Zeichen, Timing, Loyalität, Gefühle, Vereinsbindung und was sonst noch alles angeblich in einem Stück Papier wohnen soll, sobald ein Spieler unterschreibt und nicht gleichzeitig schwört, bis zum Ende aller Tage und an einen Lügendetektor angeschlossen auf der Mittellinie zu verharren.
Ganz ehrlich: Ihr macht es euch zu einfach.
Seit Monaten wird so getan, als müsste ich entweder sofort mit Tränen in den Augen ewige Treue verkünden oder am besten direkt mit gepackter Tasche im Ausland vorsprechen, damit wenigstens alle Klarheit haben. Dazwischen scheint es für manche nichts zu geben. Kein Abwägen. Kein Nachdenken. Kein Recht darauf, die eigene Karriere nicht wie eine Fanfantasie zu verwalten.
Ich weiß, das ist jetzt für viele unromantisch. Aber ein Vertrag ist kein Liebesgedicht. Und eine Verlängerung ist auch kein mittelalterlicher Schwur bei Fackelschein, nach dem sich zwei Seiten für alle Zeit aneinanderketten und der Himmel über Dortmund zustimmend schwarzgelb aufreißt.
Es ist ein Deal.
Einer, bei dem ein Verein sich absichert, ein Spieler sich absichert, beide ihre Optionen sortieren und am Ende trotzdem so tun sollen, als sei dabei etwas entstanden, das über jedes praktische Denken erhaben ist. Genau das ist doch der Teil, der mich an dieser Debatte so nervt. Alle wissen, wie dieses Geschäft funktioniert. Aber sobald es um den eigenen Klub geht, möchten plötzlich alle wieder so reden, als wären wir im Heldenepos und nicht im Profifußball.
Ja, ich habe verlängert. Und nein, ich habe damit offenbar trotzdem nicht die richtige Sorte Frieden geliefert.
Für die einen war ich zu langsam. Für die anderen zu kühl. Für die dritten zu offen für die Idee, dass ein sehr guter Spieler mit 26 vielleicht noch nicht so tut, als habe er seine gesamte Zukunft bereits in Stein meißeln lassen. Dann kommt die Verlängerung, und sofort beginnt die nächste Runde. Jetzt ist auf einmal nicht mehr das Zögern das Problem, sondern die Hintertür. Nicht mehr die Entscheidung fehlt, sondern sie ist nicht rein genug. Nicht heroisch genug. Nicht opferbereit genug. Nicht sauber genug für die, die aus Verträgen am liebsten Reliquien basteln würden.
Sorry, aber dafür bin ich der falsche Typ.
Ich spiele Fußball, ich verteidige, ich räume auf, ich grätsche, ich haue weg, ich mache Fehler, ich komme zurück, ich unterschreibe Verträge. Mehr nicht. Ich bin nicht dafür da, eure Sehnsucht nach der letzten echten Identifikationsfigur im Profifußball zu bedienen, nur weil sich das früher angeblich alles besser angefühlt hat. Wenn ihr in jeder Verlängerung ein Glaubensbekenntnis sehen wollt, werdet ihr zwangsläufig sauer, sobald irgendwo ein nüchterner Satz im Kleingedruckten steht.
Und genau dieses Geraune um die Klausel ist doch bezeichnend. Als wäre nicht jeder in diesem Geschäft längst daran gewöhnt, dass es Fluchttüren gibt, Notausgänge, Anschlussoptionen, Türspalte, Vorbehalte und all die anderen kleinen Konstruktionen, mit denen man Zukunft planbar macht, ohne sie gleich zuzumauern. Auf einmal tun alle so, als hätte ich mitten ins Vereinswappen gebohrt.
Dabei habe ich nur das gemacht, was man in meinem Alter eben macht, wenn man nicht komplett bekloppt ist: eine wichtige Entscheidung getroffen, ohne sich dabei jede denkbare Entwicklung für die nächsten Jahre selbst zu verbieten.
Wer daraus jetzt Charakterfragen basteln will, darf das gerne tun. Nur sollte er dann auch ehrlich sagen, worum es ihm wirklich geht. Es geht nicht um Werte. Es geht nicht um Haltung. Es geht auch nicht um das Wohl des Vereins. Es geht ums Gefühl. Um den Wunsch, dass einer endlich mal sagt: Ich bleibe für immer, egal was kommt, und zwar ohne Sternchen, ohne Zusatz, ohne Hintertür, ohne den leisesten Gedanken daran, dass Karrierewege manchmal eben doch weiterführen als bis zur nächsten coolen Choreo.
Kann man sich wünschen. Ist aber kein Anspruch.
Und noch was: Dieses ganze Gerede, ich hätte Fans hingehalten oder mich für zu wichtig genommen, klingt vor allem deshalb so groß, weil von außen immer so getan wird, als wäre Schweigen schon Verrat. Vielleicht wollte ich einfach erst selbst wissen, was ich will. Vielleicht wollte ich nicht jeden zweiten Tag ein neues Treuebekenntnis in ein Mikrofon sprechen. Vielleicht wollte ich mir die Entscheidung nicht von Gerüchtetickern, Transfermarktromantikern oder halb beleidigten Deutungswettbewerben aus der Hand drücken lassen.
Das ist kein Größenwahn. Das ist Selbstschutz.
Dass jetzt gepfiffen wird, ist unschön. Ich werde deswegen aber auch nicht anfangen, mich in der Mitte des Platzes zu erklären wie ein Schüler, der beim Spicken erwischt wurde. Wer mich sehen will, kann sehen, wie ich spiele. Wer mir misstrauen will, wird dafür ohnehin irgendeinen Satz finden. So läuft das. Im Stadion, im Netz, überall. Ein guter Zweikampf macht dich für zehn Minuten wieder zum Wappenheiligen. Eine Klausel macht dich für drei Tage zum Fluchttier. Das hält alles nie besonders lange, und meistens wissen das alle Beteiligten.
Deshalb mein bescheidener Hinweis aus dem Tunnel: Vielleicht ist es an der Zeit, mit diesem ewigen Entweder-oder aufzuhören. Bleiben oder Verrat. Treue oder Täuschung. Idol oder Egoist. Am Ende ist Fußball groß genug für etwas Langweiligeres und Wahreres: für gute Spieler, vernünftige Verträge und Fans, die nicht jedes Detail wie eine private Kränkung behandeln müssen.
Ich habe unterschrieben. Das müsste euch eigentlich reichen. Dass es das nicht tut, sagt am Ende vielleicht weniger über mich als über den Hunger dieses Geschäfts nach immer neuen Dramen, selbst dann, wenn längst alles entschieden ist.
Mit halbwegs aufgeräumter Genervtheit
Nico Schlotterbeck
Grätschenfürst von Schwarzgelbien
Wächter des eingebauten Fluchttors
und Verteidiger der nüchternen Unterschrift
🪶 Kommentar der Redaktion:
Der Text traf für uns genau jene Tonart, die man aus Tunneln, Katakomben und halb verrauchten Nachspielstunden kennt: gereizt, plausibel, ein wenig trotzig und jederzeit bereit, das eigene Augenrollen zur letzten Wahrheit des Reiches zu erklären. Man konnte ihm schwer absprechen, dass das Geschäft nun einmal so funktioniert. Man konnte ihm allerdings ebenso schwer verzeihen, dass er diesen Umstand ausgerechnet in der Sprache des Geschäftssinns verteidigte, nachdem man ihn doch lieber als einen der letzten schwarzgelben Gralswächter des ehrlichen Vereinsgefühls ausgestellt hätte.
Seit der Lektüre wirkt hier bei uns nun jeder Satz ein wenig, als wolle er sich nicht festlegen. Selbst unser Kaffee schmeckt heute wie eine Verlängerung mit Klausel: erst vertraut, dann seltsam bitter, und am Tassenboden klebt irgendwas fest, dass die Umrisse eines kleinen Fluchttors zu haben scheint.
Mehr Fantastisches für dich?
Mehr Fantastisches findest du garantiert in den Legenden von Serathis und darüber hinaus in unserem Bestiarium der Düsteren Kreaturen. Ziemlich cool: Auch bei Makronom hat man die großen Verdienste des ehemaligen Finanzministers entsprechend gewürdigt.



