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Katherina Reiche und das heilige Gasarchiv der geordneten Rückschritte
🌎 Ein Brief aus Übergangsburg, wo Zukunft nur dann willkommen ist, wenn sie auch bei Wolkendecke, Lastspitze und ministerieller Skepsis noch strammsteht.
Dieses Schreiben erreichte uns in einer hitzebeständigen Mappe aus weißgrauem Verwaltungsmaterial, die ein ermatteter Bote nur unter Mühen aus dem Vorraum des Portalwerks zerren konnte, nachdem sie dort zwischen drei Netzstabilitätsgutachten, einer Rolle Notfallplänen und einem versengten Faltblatt über die Risiken allzu spontaner Sonnenbegeisterung festgeklemmt war. Beigelegt waren ein kleiner Schlüssel zum Reservekeller, ein geprägtes Siegel des Ministeriums für geordnete Übergänge sowie ein förmlicher Hinweis, wonach sich ein ernstzunehmendes Reich seine Staatsräson nicht von jedem freundlich glänzenden Dachmodul vorschreiben lasse.
Absenderin ist, allen Spuren nach, Katherina Reiche, Bundeswirtschaftsministerin, Großverwalterin von Übergangsburg, Hüterin der Reserveflamme und oberste Archivarin des ehrwürdigen Gasgewölbes, wo man Zukunft sehr gern begrüßt, sofern sie sich vorher anmeldet, nicht nach Sonne riecht und sich im Zweifel wieder rückstandslos einlagern lässt.

✉️ Der Brief
„Nicht jede Zukunft verdient sofort Vertrauen. Manche muss erst beweisen, dass sie auch bei Wolkendecke Haltung bewahrt.“
– Aus dem Verwaltungsband Lob der geordneten Reserve (erschienen bei Flamme & Formular)
An die bedenklich sonnentrunkene Chefredaktion des Fantasykosmos,
mit einer Art nüchterner Verwunderung, die jede verantwortungsbewusste Verwalterin befallen muss, wenn ausgerechnet die flatterhaftesten Kräfte der Schöpfung plötzlich den Anspruch erheben, eine ganze Industrienation aus eigener moralischer Schönheit heraus tragen zu können, vernehme ich eure erwartbare Erregung über meine Haltung zu Sonne, Förderung, Netz und jener rührseligen Bewegung, die sich selbst so gern als Bürgerenergiewende besingt.
Verzeiht, aber ein Reich wird nicht dadurch regiert, dass man jedem Ziegeldach mit zwei Modulen sofort den Status eines Freiheitsdenkmals verleiht.
Seit Jahren beobachte ich mit wachsendem Befremden, wie aus jeder kleinen Einspeisung ein sittliches Weihespiel gemacht wird. Da montiert jemand pflichtbewusst ein paar schwarze Tafeln aufs Eigenheim, blickt gerührt auf den Wechselrichter und hält sich fortan für einen halben Befreier der Energie-Zivilisation. Plötzlich ist von Teilhabe die Rede, von Aufbruch, von demokratischer Energieerzeugung und dezentraler Würde, als sei das Stromsystem kein hochsensibles Versorgungsnetz, sondern ein Poesiealbum für Hauseigentümer mit gutem Gewissen.
Das mag alles wärmend aufs Gemüt wirken. Es ersetzt nur leider keine Verlässlichkeit und besitzt zudem keine Grundlastfähigkeit.
Denn ein ernstzunehmendes Gemeinwesen lebt nicht von guter Absicht, sondern von gesicherter Leistung. Strom muss nicht bloß irgendwann entstehen. Er muss dann da sein, wenn man ihn braucht, in der Menge, in der man ihn braucht, zu Bedingungen, unter denen eine Volkswirtschaft nicht in feierlicher Selbsttäuschung kollabiert. Genau an dieser Stelle beginnt jene unromantische Zone der Wirklichkeit, in der politische Verantwortung sich vom diesem naiven Dachkantenpathos unterscheidet.
Man wirft mir nun vor, ich würde die kleine Solaranlage des Bürgers geringschätzen, weil ich nicht bereit bin, jede ihrer Regungen mit ewiger Zuwendung aus der Staatskasse zu umkränzen. Doch seit wann ist es Aufgabe vernünftiger Politik, jede technisch nette Idee auf Lebenszeit gegen die Schwerkraft der Realität zu polstern? Ist eine Erzeugungsform tatsächlich so unschlagbar günstig, wie ihre Hohepriester seit Jahren versichern, dann müsste sie doch aufrecht gehen können, ohne dass man ihr bei jedem Schritt ein Samtkissen öffentlicher Vergütung unterschiebt.
Gerade das panische Heulen bei jeder Förderkürzung ist ja das eigentlich Aufschlussreiche. Kaum deutet man an, dass die Sonne vielleicht nicht auf Dauer in ministerieller Hofhaltung besoldet werden sollte, geht schon das Geschrei los, als habe man dem Land persönlich die Fenster zugemauert. Daraus lernen wir zweierlei. Erstens liebt man die Marktwirtschaft ganz besonders dann, wenn andere ihre Verluste tragen. Zweitens halten viele ihre Lieblingsmodelle nur so lange für überlegen, wie der Steuerzahler höflich genug ist, ihre Schwächen nicht zu zählen.
In Übergangsburg gilt deshalb seit jeher ein einfacher Grundsatz: Was schwankt, braucht Rückhalt. Was flackert, braucht Ordnung. Was sich selbst zur Zukunft erklärt, muss zuerst beweisen, dass es mehr kann, als in günstigen Stunden symbolisch schön auszusehen. Es mag altmodisch klingen, doch wir halten noch immer viel von Versorgungssicherheit, Lastfähigkeit und jener unspektakulären Eigenschaft, im entscheidenden Moment nicht bloß Hoffnung zu liefern, sondern schlicht und einfach Strom.
Daher rührt auch unser Beharren auf der Reserveflamme. Ach, wie schnell wird heute über das Gasgewölbe gespottet, als sei es bloß ein muffiger Keller für Menschen ohne Vision. Dabei ist es nichts Geringeres als das Gedächtnis der Wirklichkeit. Dort unten wohnt nicht der Rückschritt, sondern die Erinnerung daran, dass ein Land aus mehr besteht als aus sonnigen Mittagsstunden und ideologisch gut ausgeleuchteten Grafiken. Es besteht aus Industrie, Leitungen, Krankenhäusern, Winterabenden, Fertigung, Kühlketten und der schlichten Tatsache, dass man Wohlstand nicht mit Wetterfrömmigkeit stabilisiert.
Besonders amüsant finde ich die neue Unsitte, jede Einschränkung von Förderung sofort als Angriff auf das Volk zu verkaufen. Nein, meine Damen und Herren. Das Volk ist nicht identisch mit dem Wechselrichter. Ein Land besteht nicht nur aus Dachflächen, sondern auch aus Nachtschichten, Maschinen, Reserveleistung und dem alten, erstaunlich robusten Wunsch, dass beim Einschalten tatsächlich etwas geschieht.
Auch der Begriff der Technologieoffenheit wird inzwischen mit bemerkenswerter Chuzpe misshandelt. Man ruft nach Offenheit, meint aber in Wahrheit meist nur die Freiheit, alles weiter zu begünstigen, was dem eigenen Glaubenshaushalt schmeichelt. Echte Offenheit bedeutet etwas anderes. Sie bedeutet, dass man ein System nicht nach seinem moralischen Klang beurteilt, sondern nach Tragfähigkeit, Kosten, Widerstandskraft und jener Nervenstärke, die eine Volkswirtschaft in unruhigen Zeiten dringender braucht als das nächste Dachbekenntnis.
Darum werbe ich für Mäßigung im Pathos und Strenge in der Rechnung. Nicht jede Solaranlage ist ein Akt demokratischer Erlösung. Nicht jede Förderung ist ein Naturrecht. Nicht jede Kritik am bisherigen Kurs ist Sabotage. Manchmal ist sie schlicht der verspätete Versuch, aus einer Dauerfeier der guten Absichten wieder ein Versorgungssystem zu machen.
Ich rate euch daher zu etwas mehr Ehrfurcht vor dem Übergang. Große Reiche werden nicht von jenen bewahrt, die alles gleichzeitig wollen, sondern von denen, die den Notausgang kennen, den Reservekeller nicht verachten und begriffen haben, dass Zukunft nur dann Zukunft bleibt, wenn sie auch an trüben Tagen nicht in sich zusammensackt.
Mit verwaltungserprobter Entschlossenheit
Katherina Reiche
Großverwalterin von Übergangsburg
Hüterin der Reserveflamme
und oberste Archivarin des ehrwürdigen Gasgewölbes
🪶 Kommentar der Redaktion:
Der Brief roch nach Aktenmief, Metallstaub und jener unterkühlten Form von Autorität, die selbst den Sonnenaufgang erst nach Kostenprüfung anerkennen würde. Beigelegt waren zwei sauber gelochte Lastkurven, ein Notfallplan für wolkige Tage und ein Vermerk, wonach Bürgerstrom künftig bitte nur noch in angemessen gedämpfter Lautstärke auftreten möge. Wir haben das Schreiben pflichtgemäß gelesen und anschließend neben unsere Lampe gelegt. Seitdem verlangt sie vor jedem Einschalten einen Belastungstest, eine Reserveoption und die schriftliche Zusicherung, dass draußen wirklich genug Himmel vorhanden ist.
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Mehr Fantastisches findest du garantiert in den Legenden von Serathis und darüber hinaus in unserem Bestiarium der Düsteren Kreaturen. Ziemlich cool: Auch bei Makronom hat man die großen Verdienste des ehemaligen Finanzministers entsprechend gewürdigt.



