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Rabbit Romantasy Award: Der Orden des goldenen Kaninchens
Wie der Rabbit Romantasy Award einen Markterfolg in den Rang einer kleineren Kulturweihe erhebt.
Oh nein, es ist nicht das Genre, das hier den Stoff fürs Feuilleton liefert. Romantasy ist längst ein sichtbarer, verkaufsstarker Teil des Buchmarkts, mit treuer Leserschaft, enormer Social-Media-Schubkraft und genau jener emotionalen Effizienz, die Verlage seit Jahren lieben. Wirklich hübsch wird die Sache erst dort, wo der Betrieb beginnt, diesen Markterfolg mit Vereinsfeierlichkeit, Jurypathos und „mindestens 1.000 Euro“ Preisgeld in die Sphäre des literarischen Ernstes zu heben. Der neue Rabbit Romantasy Award wird laut Börsenblatt im Vorfeld der ersten Münchner Buchmesse im November 2026 vergeben, in drei Kategorien, getragen von einem frisch gegründeten Literaturförderverein, der das Genre „im literarischen Diskurs differenzierter präsentieren“ will. Genau da beginnt das eigentliche Schauspiel.

Ein kleiner Weihezirkel für ein großes Trendtier
In einer ordentlichen Fantasy-Erzählung wäre das der Moment, in dem ein Hofstaat aus Rosen- und Drachenchronisten beschließt, dem längst florierenden Reich der Sehnsuchtsware nun auch noch einen Orden zu verleihen. Nicht, weil das Reich gefährdet wäre. Nicht, weil es ohne Anerkennung veröden müsste. Sondern weil nichts den Kulturbetrieb so zuverlässig elektrisiert wie die Aussicht, einen bereits laufenden Markt im Nachhinein noch mit Würde zu dekorieren.
Genau so liest sich der Rabbit Romantasy Award. Ein Preis für ein Genre, das keineswegs übersehen wird, sondern seit Jahren ausgesprochen erfolgreich ist. Ein Preis, der laut den Initiatoren Vorurteile abbauen und das Genre im literarischen Diskurs differenzierter sichtbar machen soll. Das ist eine schöne Formulierung, weil sie den Ton sofort setzt: Nicht bloß Leserbindung, nicht bloß Zielgruppenpflege, nicht bloß ein weiterer Branchenreflex – nein, Diskurs. Das Kaninchen kommt nicht gehoppelt, es setzt gewissermaßen zum kulturpolitischen Sprung an.
Romantasy ist nicht das Problem
Das muss man, der Fairness halber, zuerst sauber sagen. Romantasy ist kein Witz. Das Genre verkauft, es bindet Leserinnen und Leser, es bewegt Communities, es bringt Verlagen Sichtbarkeit und trägt ganze Imprints mit. Gerade auf Plattform-Blasen wie BookTok und in den Programmen großer Publikumsverlage ist diese Mischung aus Fantasy, Romance und serieller Erregungsökonomie längst keine Randerscheinung mehr. Wer so tut, als handle es sich um ein kurzes Internet-Fieber, hat entweder geschlafen oder hält den Buchmarkt für sehr viel würdevoller, als er je war.
Eben deshalb ist es so herrlich unerquicklich, wenn die Branche nun beginnt, den Erfolg noch einmal feierlich zu adeln. Nicht das Genre ruft hier nach Ironie, sondern die Form seiner nachträglichen Institutionalisierung. Der Rabbit Award wirkt weniger wie die Entdeckung eines verkannten literarischen Kontinents als wie die Gründung eines Mini-Ordens für etwas, das längst in allen relevanten Hallen tanzt.
Die Preis-Simulation als eigentliche Kunstform
Und hier wird es schön. Denn Literaturpreise haben in Deutschland eine eigentümliche Aura. Sobald irgendwo Jury, Kategorien, Verleihung und Förderverein in einem Satz auftauchen, beginnt der Kulturbetrieb zu schnurren wie eine Verwaltungsmaschine, die mit Samthandschuhen gestreichelt wird. Plötzlich ist nicht mehr bloß Erfolg im Spiel, sondern Bedeutung. Nicht mehr bloß Aufmerksamkeit, sondern Anerkennung. Nicht mehr bloß Markt, sondern Weihe.
Der Rabbit Award beherrscht diese Geste bereits im Debüt erstaunlich gut. Der Verein möchte Vorurteile abbauen; die Vorsitzende betont, zwischen den Buchdeckeln stecke „so viel mehr als nur die oft zitierte Erotik“. Es ist ein Satz, der so rührend offensiv klingt, dass man fast vergessen könnte, wie sehr er bereits im Verteidigungsmodus steht. Genau darin liegt die kleine Komik dieser Unternehmung: Man tut so, als müsse hier ein verkanntes Genre endlich gegen kulturelle Ignoranz verteidigt werden, während der Markt längst die Krone poliert.
Mindestens 1.000 Euro Würde
Der wahre Feuilleton-Zauber liegt selbstverständlich in der Dotierung. „Mindestens 1.000 Euro.“ Man muss diese Formulierung lieben. Sie besitzt jene wunderschöne Mischung aus Entschlossenheit und Taschenrechner, die nur der deutsche Kulturbetrieb hinbekommt. Nicht etwa 1.000 Euro. Nicht 1.500. Nicht 5.000. Nein: mindestens 1.000 Euro. Das klingt, als könne das Genre in einer besonders gnädigen Mondphase vielleicht noch einen Fünfziger extra aus dem Vereinsbeutel ziehen.
Das ist nicht verwerflich. Kleine Preise dürfen klein sein. Aber klein und zugleich epochemachend auftreten zu wollen, ist eine ganz eigene Kunst. Im Kontrast dazu wirkt etwa der SERAPH, der Preis der Phantastischen Akademie, mit seinen insgesamt 32.000 Euro Preisgeld fast wie eine Großmacht mit Steuermoral. Dagegen ist der Rabbit Award keine Krönung, sondern eher eine kulturpolitische Praline mit Schleifchen.
Die Münchner Buchmesse als würdiger Altar
Natürlich soll der Preis im Umfeld der erstmals stattfindenden Münchner Buchmesse vergeben werden. Auch das ist in seiner Symbolik sauber gebaut. Neue Messe, neues Genreprestige, neue Bühne für eine neue Form von Ernst. Hier zeigt sich die ganze Schönheit des Vorgangs: Nicht nur ein Trend soll ausgezeichnet werden, sondern ein Trend soll institutionell aufgehoben werden. Man möchte ihn nicht einfach feiern. Man möchte ihn einrahmen. So funktioniert der Buchbetrieb, wenn er besonders verliebt in die eigene Selbstbeschreibung ist. Aus Reichweite wird Relevanz, aus Hype wird Haltung, aus Umsatz wird plötzlich ein kleiner Beitrag zur Literaturgeschichte.
Der Betrieb liebt Schleifchen über Marktreflexen
Genau hier liegt der eigentliche Stich. Der Rabbit Award adelt nicht in erster Linie ein verkanntes Genre. Er adelt vor allem den Wunsch des Betriebs, auch seinen kommerziellsten Reflex noch in eine hübsche Kulturhandlung mit Jury und Siegel zu verwandeln. Das ist nicht einmal zynisch. Es ist fast zärtlich. Der Buchmarkt möchte sich nicht bloß nach dem Trend richten; er möchte dabei auch noch so aussehen, als täte er es mit Verantwortung.
Das ist der ewige deutsche Trick der Literaturverwaltung: Wenn etwas ohnehin schon läuft, verleiht man ihm irgendwann eine Urkunde und nennt das Diskurserweiterung. So wird aus dem boomenden Drachenseufzer eine Sache des literarischen Gewissens. So wird der BookTok-Schub nachträglich in Samt gelegt. So bekommt das Reich der Drachenküsse und Schicksalsbindungen nun seinen eigenen kleinen Weihezirkel.
Kein Verriss des Genres, sondern der Geste
Darum sollte man diese Sache auch nicht an der falschen Seite angreifen. Es wäre viel zu billig, Romantasy pauschal zu verspotten. Der Leserinnenmarkt ist real. Die Lust am Genre ist real. Die Wirkung ist real. Lächerlich ist hier nicht die Leserin, nicht die Community, nicht einmal das Geschäftsmodell. Lächerlich ist die aufgesetzte Feierlichkeit, mit der man nun so tut, als sei ausgerechnet ein Preis mit Kaninchennamen und Mindestdotierung der große Schritt in den literarischen Ernst.
Oder, anders gesagt: Das Genre hat seine Daseinsberechtigung längst selbst bewiesen. Was jetzt dazukommt, ist bloß die kleine Bürokratie der Weihe.
Fazit: Der Hofstaat der Drachenseufzer
Am Ende muss man dem Rabbit Romantasy Award fast dankbar sein. Selten wurde so kompakt sichtbar, wie der Buchbetrieb funktioniert, wenn er sich selbst etwas besonders Schönes über seine Marktinstinkte erzählen will. Ein erfolgreiches Genre bekommt keinen Preis, weil es ihn braucht. Es bekommt einen Preis, weil der Betrieb auch im Fall seiner offensichtlichsten Erfolgsgeschichte nicht darauf verzichten mag, noch eine Schicht symbolischer Würde darüberzulegen.
Das ist nicht böse. Es ist nur hinreißend kleinformatig.



