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Axel Rudi Pell – Ghost Town
🧿 Kurzfazit
Ghost Town ist kein Album, das das Pelliversum neu vermisst. Es ist Heavy Pell-tal in Reinform: melodisch, würdevoll, verlässlich und an den richtigen Stellen mit kleinen Schattenfalten versehen. Nicht seine größte Sternstunde, aber sehr angenehm für eine Sorte von Musik, die sich nicht rechtfertigen muss.
🎯 Für wen?
Für Hörer, die Rainbow, Dio und jenen altwürdigen Hard Rock / Heavy Metal lieben, bei dem Gitarren noch singen dürfen und Refrains geschniegelt ins Schloss marschieren. Also für alle, die lieber eine gute schwarze Burg als ein überraschendes Parkhaus betreten.
🎧 Wie klingt das?
Warme Keyboards, markante Leads, ein erstaunlich präsenter Bass, Bobby Rondinellis kontrolliert treibendes Schlagzeug und Johnny Gioeli als gewohnt mächtiger Frontturm. Das Album klingt groß, aber nie geschniegelt steril. Mehr Burggraben als Betonmischer, mehr Nachtwind als Studiolabor.
💿 Highlights
Guillotine Walk, The Enemy Within, Steps Of Stone, Higher Call
⚠️ Nichts für dich, wenn…
du bei Axel Rudi Pell jedes Mal hoffst, dass plötzlich Spuren von Industrial-Funk, Djent oder finnischen Elektro-Folk aus dem Burgtor galoppieren.
👻 Axel Rudi Pell – Ghost Town: Heavy Pell-tal aus der ewigen Nachtschicht
Es gibt Dinge, auf die ist mehr Verlass als auf die Deutsche Bahn, Frühlingsregen und schlechte Fantasy-Buchlisten. Eines davon ist ein neues Axel Rudi Pell-Album im Zwei-Jahres-Takt. Ghost Town ist Studioalbum Nummer 23, erscheint am 20. März 2026 über Steamhammer / SPV, umfasst elf Songs in knapp 56 Minuten und wurde von Axel Rudi selbst produziert, mit Thomas Geiger am Mischpult und Mix in den Blind Guardian Studios. Das ist also wieder genau jene Sorte Platte, bei der niemand ernsthaft auf stilistische Kernsanierung hofft. Und das ist auch gut so. Wer zu Pell geht, will keinen Schock. Er will Kamin, Cape und Gitarrensoli im Abendrot.
🎧 Was erwartet dich?
Genre(s): Heavy Metal, Hard Rock
Vergleichbar mit: einer gut gealterten Kreuzung aus Rainbow, Dio und jener Form von melodischem Hard Rock, die immer so klingt, als wäre sie ihr eigenes Wappen. Nicht modern um jeden Preis, sondern klassisch mit Absicht.
Klangfarbe: Ghost Town macht genau das, was Pell-Platten seit gefühlten zwölf Dynastien tun, nur dieses Mal mit etwas mehr Nebel und etwas weniger Schulterklopfen. Die Songs setzen auf große Melodien, singende Leads, klare Keyboard-Farben und ein Zusammenspiel, das so makellos wirkt, als hätten diese fünf Männer gemeinsam schon Burgen gebaut, belagert und wieder eingerissen. Wer hier Blut-und-Boden-Geschredder erwartet, ist im falschen Gasthaus. Wer melodischen Heavy Metal mit aristokratischer Stirnfalte sucht, bekommt hier hingegen ein ziemlich komfortables Zimmer.
✨ Highlights
Guillotine Walk
Das ist ein Opener, wie ihn nur Pell ernsthaft noch so bringen kann: leicht melancholisch, dann doch treibend, mit einem Thema, das sich um den Gang zum Fallbeil dreht, also exakt jene Sorte gepflegter Düsterkeit, zu der man ein Cape und ein dramatisch beleuchtetes Schafott mitdenken darf. Besonders hübsch ist, dass die Strophen zunächst ohne Gitarren auskommen und der Song dadurch nicht einfach lossägt, sondern erst einmal die Kerzen richtig ordnet. Wenn dann das Solo kommt, weiß man wieder, warum Axel Rudi Pell nie ein Mann für unnötige Hektik war. Er spielt lieber so, als hätte seine Gitarre jüngst ihr eigenes Adelsprädikat erhalten.
The Enemy Within
Hier zieht Ghost Town kurz die schweren Vorhänge zu. Der Song ist dunkler als vieles, was man von Pell in dieser Deutlichkeit erwartet, fast schon leicht doomig angehaucht, ohne deshalb den familiären Klangkorridor zu verlassen. Genau solche Stücke tun dem Album gut. Sie erinnern daran, dass Beharrlichkeit nicht automatisch Stillstand heißt. Johnny Gioeli nutzt die düstere Schattierung sehr geschickt und liefert eine dieser Gesangsleistungen ab, bei denen man sich kurz fragt, warum dieser Mann nicht längst in jeder zweiten Burgkapelle der Republik per Gesetz aus den Lautsprechern kommen muss.
Steps Of Stone
Ein Song wie aus dem klassischen Pell-Baukasten, nur eben aus der oberen Schublade. Das Ding marschiert nicht besonders überraschend, aber mit so viel melodischem Selbstverständnis, dass man ihm seine Vertrautheit eher als Tugend denn als Routine auslegen muss. Der Refrain sitzt, die Gitarre singt, die Band trägt das Ganze mit stoischer Klasse, und plötzlich merkt man wieder, dass es im Rock sehr wohl eine Form von Noblesse gibt, die nichts mit geschniegelt sein zu tun hat. Man könnte auch sagen: genau die Sorte Lied, die auf einem ARP-Album niemand revolutionär nennen würde und die trotzdem dafür sorgt, dass man das Album noch einmal laufen lässt.
🎨 Artwork
Das Cover sieht aus, als hätte jemand ein Gothic-Rollenspiel aus den späten Neunzigern in ein ordentlich teures Fantasy-Rot getaucht. Da steht eine schwarze Burg in einer geisterhaften Stadt, der Himmel glüht wie ein sehr schlecht gelaunter Abend in Mordor, und unten im nassen Gassenlicht wartet eine einsame Gestalt darauf, dass gleich entweder ein Bosskampf beginnt oder ein sehr langsames Gitarrensolo. Das ist natürlich nicht subtil. Pell war aber noch nie der Mann für graubeige Nüchternheit. Dieses Artwork macht genau das, was seine Musik auch tut: Es lädt nicht zu Ironiedistanz ein, sondern zu jener altmodischen Form von Pathos, bei der man kurz grinsen muss und dann feststellt, dass es eigentlich doch irgendwie okay aussieht.
🪦 Besondere Momente
Der erste schöne Punkt an Ghost Town ist, dass das Album seine Gewohnheiten kennt, aber nicht völlig darin einschläft. Die Gitarren treten in mehreren Strophen bewusst zurück, Keyboards und Bass bekommen mehr Luft als auf manch anderer Pell-Platte, und dadurch wirkt das Ganze weniger wie eine Dauerparade aus bekannten Bausteinen, sondern eher wie ein vertrautes Haus, in dem endlich mal wieder die Fenster geöffnet wurden. Gerade Volker Krawczak profitiert davon hörbar. Sein Bass trägt hier mehr als nur Möbel.
Dazu kommt der Gastauftritt von Udo Dirkschneider. Solche Duette können schnell nach Veteranen-Stammtisch mit Mikrophon aussehen. Hier wirkt es eher wie zwei sehr erfahrene Herren, die genau wissen, wie unterschiedlich ihre Stimmen knarzen dürfen, damit daraus etwas Unterhaltsames wird. Schön ist auch, dass Pell diesmal auf den ganz großen Zehn-Minuten-Burgspaziergang verzichtet. Das längste Stück ist Higher Call mit gut sieben Minuten. Das nimmt dem Album ein wenig den epischen Prunk alter Großtaten, bewahrt es aber auch vor jener ehrfürchtigen Länge, in der manche Spätwerke gern anfangen, ihre eigene Tapete zu bewundern.
Und dann wäre da noch die Produktion. Pell produziert selbst, Thomas Geiger mischt, und das Ergebnis ist angenehm unspektakulär im besten Sinn. Kein digitaler Plastikglanz, kein aufgepumpter Wandsound, kein verzweifeltes Jungtun. Auf Ghost Town hört man einer Band zu, die seit Jahren weiß, was sie tut. Auch das ist ja heute fast schon eine radikale Haltung.
📜 Hintergrund
Axel Rudi Pell ist längst kein einfacher Gitarrist mehr, er ist eine Art Aggregatzustand. Der Mann kommt aus Bochum, war einst bei Steeler, fährt seit Ende der Achtziger eine Solokarriere mit erstaunlicher Konstanz und hat sich dabei sein eigenes kleines Fürstentum zwischen Hard Rock, Heavy Metal und Melodic-Gitarrenadel gebaut. Johnny Gioeli ist seit 1998 dabei, Ferdy Doernberg ebenfalls. Volker Krawczak hält den Bass schon seit 1989, Bobby Rondinelli sitzt seit 2013 am Schlagzeug. Diese Band ist also kein Projekt, sondern eine gut geölte Burgbesatzung. Genau deshalb klingt Ghost Town auch nicht wie zusammengebuchte Studioware, sondern wie Musik von Leuten, die ihre Rollen im Pelliversum nicht spielen, sondern aktiv bewohnen.
Und ja, natürlich ist Pell einer jener Künstler, bei denen die Frage nach der Neuerfindung der Form so unerquicklich ist wie ein Besuch im Baumarkt am Samstag. Niemand braucht auf Album Nummer 23 die Nachricht, dass Axel Rudi Pell jetzt seine Liebe zu Trap-Beats entdeckt hat. Was man von ihm erwartet, ist Wiedererkennbarkeit mit Würde. Eine eigene Handschrift. Ein paar neue Farben innerhalb des bekannten Wappens. Genau das macht Ghost Town. Es ist nicht die Platte, mit der plötzlich alles neu sortiert wird. Es ist die Platte, die beweist, dass gute Gewohnheiten manchmal mehr Seele haben als hektische Kurswechsel. Heavy Pell-tal eben. Und dieses Subgenre gibt es nur einmal.
🪓 Fazit: Heavy Pell-tal, warm serviert
Ghost Town ist kein Release, der sich mit wehenden Bannern an die Spitze der Pell-Diskographie drängt. Dafür fehlen ihm ein, zwei dieser ganz großen Haken, die sich über Jahre in den Schädel eingraben. Aber langweilig ist das Ding keine Sekunde. Dafür performt die Band zu gut, singt Gioeli zu stark und ist Pell zu versiert darin, aus vertrauten Zutaten ein Gericht zu kochen, das zwar niemanden kulinarisch überfordert, aber eben verdammt bekömmlich ist. Bei uns würde das vermutlich im Autoradio niemand ernsthaft wegdrehen.
Wir machen uns also gern freundlich drüber lustig, dass Axel Rudi Pell vermutlich schon Musik aufgenommen hat, als Metal noch gar nicht so richtig erfunden war. Nur ändert das nichts daran, dass der Mann sein Handwerk über alle Maßen beherrscht. Ghost Town ist ein gutes, stellenweise sehr gutes Album eines Künstlers, der seine eigene Schablone längst zum Markenzeichen erhoben hat. Wer große Überraschungen sucht, soll bitte anderswo im Zirkus vorbeischauen. Wer dagegen Lust auf solide Klasse, einen Schuss dunkle Romantik und stilvollen Heavy Metal mit Burgblick hat, ist hier sehr richtig. Nicht Pell in absoluter Bestform. Aber sehr klar Pell. Und das reicht in diesem Fall ganz locker.

| Künstler: | Axel Rudi Pell |
| Albumtitel: | Ghost Town |
| Erscheinungsdatum: | 20. März 2026 |
| Genre: | Heavy Metal, Hard Rock |
| Label: | Steamhammer / SPV |
| Spielzeit: | ca. 55 Minuten |
Trackliste:
The Regicide (Intro)
Guillotine Walk
Breaking Seals
Ghost Town
Holy Water
The Enemy Within
Hurricane
Sanity
Towards The Shore
Steps Of Stone
Higher Call
🩸 Offizielles Video
Offizielles Video zu „Guillotine Walk“ – ein würdevoll düsterer Auftakt zwischen Schafott, Schlossmauer und klassischer Pell-Melodik.
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