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Kennedy Center: Wenn der Hausmeister den Tempel übernimmt
Wie Trump das Kennedy Center erst unterwarf, dann umbenannte und nun der Haustechnik übergibt.
Das Kennedy Center bekommt mit Matt Floca einen neuen Leiter, einen Mann aus dem Gebäudemanagement. Nach dem politischen Sturm unter Ric Grenell, der Umbenennung und der angekündigten zweijährigen Schließung ab Juli 2026 wirkt das nicht wie ein Verwaltungsdetail, sondern wie die ehrlichste Pointe des gesamten Projekts: Erst wurde der Geist ausgetrieben, jetzt übernimmt offiziell die Haustechnik.

Der Kunsttempel im Gerüst
In einer einigermaßen schlüssigen Fantasy-Erzählung wäre das der Moment, in dem ein alter Kunsttempel nach der Eroberung durch den Hofstaat nicht etwa einem neuen Barden, Kurator oder Zeremonienmeister anvertraut wird, sondern dem Meister der Schließanlagen, Gerüste und Lastenaufzüge. Nicht, weil Gebäude unwichtig wären. Sondern weil damit endgültig sichtbar wird, was aus dem Heiligtum geworden ist: kein Ort der Kunst mehr, sondern ein verstörendes Umbauprojekt mit verdächtigen Fahnen.
Genau an diesem Punkt steht das Kennedy Center jetzt. Richard Grenell geht, Matt Floca, bisher stellvertretender Leiter des Gebäudebetriebs, soll übernehmen; formalisiert werden soll das Ganze bei einer Vorstandssitzung. Parallel steht eine zweijährige Schließung nach dem 4. Juli an, um das Haus umzubauen. Trump verkauft das als Erneuerung, Kritiker lesen darin die logische Endstufe einer politischen Übernahme.
Erst der Kulturkampf, dann die Hausverwaltung
Man muss die Chronik dieser Institution inzwischen nicht mehr erzählen, man muss sie nur noch mit geradem Gesichtsausdruck aushalten. Trump hatte das Haus als zu „woke“ attackiert, den Vorstand mit Verbündeten besetzt, sich selbst an die Spitze gestellt und die Institution Ende 2025 in „Trump Kennedy Center“ umbenennen lassen – ein Schritt, dessen rechtliche Grundlage von Kritikern bestritten wird. Es folgten Rückzüge, Absagen, Rücktritte und eine Debatte darüber, ob aus einem nationalen Kulturzentrum gerade ein sehr teures Requisit des amerikanischen Kulturkampfs gemacht wird.
Dass nun ausgerechnet ein Mann aus dem Facilities-Bereich nachrückt, ist daher keine beiläufige Personalie. Es ist fast schon die poetische Wahrheit der Entwicklung. Wo die Kunst politisch zu unberechenbar wurde, übernimmt am Ende die Infrastruktur.
Die Säuberung heißt natürlich Sanierung
Die schönste Form der Barbarei ist bekanntlich diejenige, die sich selbst für Verbesserung hält. Trump hat nicht bloß den Namen ausgetauscht, sondern nun auch eine große Renovierung angekündigt. Das Haus soll schließen, danach – so die Eigenwerbung – schöner, größer, besser und überhaupt das Feinste seiner Art sein. Mit anderen Worten: Die politische Unterwerfung wird im Vokabular der Sanierung fortgeschrieben.
Das ist ein klassischer Kunsttempel-Trick autoritärer Geschmacksregime: Zuerst erklärt man den Ort für verdorben, elitär, entgleist oder ideologisch verseucht. Dann wird nicht von Säuberung gesprochen, sondern von Revitalisierung, Wiederaufbau, Erneuerung. In Wirklichkeit heißt das: Man möchte nachher nicht mehr beweisen müssen, wie der Ort einmal war.
Ric Grenell und der verbrannte Vorhang
Grenell war in diesem Stück der laute Kriegsvogt: kulturkämpferisch, aggressiv, öffentlichkeitsfreudig. Seine Amtszeit war geprägt von Konflikten, Rückzügen prominenter Künstler und Produktionen, internen Abgängen und – laut Berichten – auch von deutlichen Einbußen beim Kartenverkauf. Selbst wer das alles für notwendige Härte hielt, musste irgendwann bemerken, dass hier weniger Kulturpolitik als verbrannte Erde mit Mikrofon betrieben wurde.
Nun also Floca. Nach dem Brandstifter übernimmt der Verwalter der Asche. Das ist nicht versöhnlich. Es ist nur stiller.
Vom lebenden Denkmal zur Eigentumsmarke
Besonders unerquicklich wird das Ganze, wenn man sich erinnert, was das Kennedy Center einmal sein sollte: ein „living memorial“ für John F. Kennedy, also ein lebendiges Denkmal der Künste, kein bewegliches Prestigeobjekt für den jeweiligen Bewohner des Weißen Hauses. Dass ausgerechnet ein solcher Ort nun im Tonfall privater Besitzgestaltung behandelt wird, ist die eigentliche Entzauberung.
Ein Heiligtum muss gar nicht zerstört werden, um entweiht zu sein. Es reicht oft, es umzubenennen, neu zu beschildern, das Personal auszutauschen und den Rest in eine Mischung aus Parteisprache und Bauplanung zu tauchen. Die feine Barbarei unserer Zeit kommt selten mit Fackeln. Meist kommt sie mit Renderings.
Kunst als Einrichtungsproblem
Das Traurigste am Kennedy Center ist deshalb nicht, dass dort Politik in die Kunst greift. Das hat es immer gegeben. Das Traurigste ist, dass die Kunst inzwischen nur noch wie ein Einrichtungsproblem behandelt wird. Als ginge es nicht mehr um Programm, Streit, Risiko, Öffentlichkeit und Stil, sondern um Wegeführung, Oberflächen, Markenplatzierung und die Frage, welche Art von nationalem Geschmack man in Marmor übersetzen kann.
Dafür ist Matt Floca als Figur fast schon zu vollkommen. Er steht nicht für einen Skandal, sondern für eine Pointe. Nicht die Pointe, dass Gebäudebetrieb verächtlich ist – das wäre tatsächlich banal. Sondern die Pointe, dass eine Institution so gründlich auf Kontrolle, Besitz und Umbau reduziert wurde, dass am Ende tatsächlich derjenige am logischsten wirkt, der weiß, wo die Sicherungen sitzen.
Was hier eigentlich verwaltet wird
Am Ende wird man sagen, dies sei nur eine Übergangsphase. Nur eine Renovierung. Nur ein Führungswechsel. Nur ein neuer Abschnitt. Genau so spricht Verwaltung immer, wenn sie aus Geschichte Wartungsarbeit machen möchte.
Aber das Kennedy Center ist längst kein Fall von Wartung mehr. Es ist ein Lehrstück darüber, wie ein nationaler Kulturort unterworfen, umetikettiert und technisch neutralisiert werden kann, bis der eigentliche Verlust wie eine bloße Betriebsfrage aussieht.
Oder kürzer, weil Präzision nicht nur beim Facility Management, sondern auch beim Spott eine Tugend ist:
Erst wurde dem Kunsttempel der Geist ausgetrieben. Jetzt übernimmt der Mann mit dem Schlüsselbund.



