🔍 Suche im Fantasykosmos
Spüre verborgene Pfade auf, entdecke neue Werke oder durchstöbere das Archiv uralter Artikel. Ein Wort genügt – und der Kosmos öffnet sich.

Kanonenfieber – Soldatenschicksale
🧿 Kurzfazit
Soldatenschicksale ist keine billige Resteverwertung, sondern ein kompakt geschnürtes Weltkriegs-Paket aus überarbeiteten EP-Tracks und zwei neuen Skagerrak Stücken. Musikalisch stark, atmosphärisch dicht, aber als Compilation eher Ergänzung als echter nächster Schritt.
🎯 Für wen?
Für Hörer, die bei historischen Konzepten nicht die Augen verdrehen, sondern die Ohrstöpsel rausziehen. Wer Menschenmühle und Die Urkatastrophe liebt und die EPs verpasst hat, bekommt hier den bequemsten Einstieg in den Kanonenfieber Kosmos. Komplettsammler wägen zwei neue Songs gegen den Doppelkauf ab.
🎧 Wie klingt das?
Melodischer Black Metal mit Death-Metal-Einspritzung, wuchtige Riffs, treibende Drums, klare Leadlinien und Vocals, die eher berichten als predigen. Produktion modern und druckvoll, genug Schmutz für Schützengraben Flair, genug Transparenz, damit jedes Detail sitzt. Die Songs wirken wie vertonte Feldpost, nicht wie pathetische Heldengeschichten.
💿 Highlights
Heizer Tenner, Kampf und Sturm (2025), Der Füsilier I (2025)
⚠️ Nichts für dich, wenn…
du deine Kriegsromantik lieber mit Pagan-Chören, Fiddle-Party und Fantasy-Met trinken willst. Hier gibt es Schmutz, Kälte und Granatsplitter, keine Netflix Eskapismuskulisse.
💣 Kanonenfieber – Soldatenschicksale: Compilation aus der Menschenmühle
Kanonenfieber ist längst kein Geheimtipp mehr. Das Projekt von Multiinstrumentalist Noise aus Bamberg hat sich mit Menschenmühle eine ganz eigene Nische gebaut. Historisch belegte Texte, keine Kriegsglorifizierung, sondern vertonte Dokumentation über den Ersten Weltkrieg. Die Lyrics entstehen auf Basis von Briefen, Berichten und anderen Originalquellen, oft zusammen mit einem Historiker im Hintergrund.
Mit Soldatenschicksale bündelt Noise nun drei verstreute Kapitel dieses Konzeptes. Die EPs Yankee Division, Der Füsilier und U-Bootsmann werden in überarbeiteten Versionen zusammengeführt. Dazu kommen zwei neue Stücke, Z Vor! und Heizer Tenner, die als Skagerrak Doppelschlag den Untergang der SMS Wiesbaden in der größten Seeschlacht des Ersten Weltkriegs beleuchten.
Veröffentlicht wird das Ganze bei Century Media Records in Kooperation mit Noisebringer Records. Das Album erscheint als Mediabook, in verschiedenen Vinylvarianten und digital.
Man könnte also zynisch von einer reinen Tour-Begleiterscheinung sprechen. Immerhin heißt die anstehende Konzertreise ebenfalls Soldatenschicksale und startet im März, inklusive Kanonenfest mit Gästen wie Vader und Mental Cruelty.
Die Wahrheit liegt, wie so oft, dazwischen. Ja, diese Compilation ist praktisch. Aber sie ist eben auch musikalisch stark genug, um mehr zu sein als Merchandising mit Booklet.
🎧 Was erwartet dich?
Genre(s): Black Metal, Melodic Black Metal mit deutlicher Death-Metal Kante
Vergleichbar mit: Stell dir vor, Bolt Thrower würden ihre Panzer im Schützengraben parken und das Songwriting an eine deutsche Geschichts-AG übergeben. Dazu eine Spur Heaven-Shall-Burn-Ernsthaftigkeit, allerdings ohne Metalcore-Filter und ohne Clean Gesang.
Klangfarbe: Große, wuchtige Riffs, oft im mittleren Tempo, immer wieder hochgezogene Hochgeschwindigkeitsphasen, die wie Maschinengewehr-Salven wirken. Die Drums arbeiten viel mit marschierenden Rhythmen und Breaks, der Bass legt ein stabiles Fundament. Über allem dieser bissige, klar verständliche deutsche Gesang, der eher Protokoll führt als die übliche Black-Metal-Liturgie herunterzuschreien.
✨ Highlights
Heizer Tenner
Der stärkste der beiden neuen Songs und vermutlich der eigentliche Grund, warum diese Compilation existiert. Aus der Perspektive eines Heizers im Maschinenraum der SMS Wiesbaden schildert der Track eine Welt aus Hitze, Ruß und Metall, in der jedes Riff wie ein Schlag auf den Kessel wirkt. Der Refrain ist gnadenlos eingängig, die „Ahu“ Rufe sind an der Grenze zum Stadionruf, funktionieren in diesem Kontext aber erschreckend gut. Die Balance aus Melodie, Brutalität und sofort mitbrüllbarer Hook zeigt sehr deutlich, warum Kanonenfieber so schnell gewachsen ist.
Kampf und Sturm (2025)
Die überarbeitete Version eines bestehenden Band-Klassikers. Das Stück pendelt geschickt zwischen schleppenden Strophen, in denen die Gitarren eher erzählen, und einem Highspeed Refrain, der die Front plötzlich unter Beschuss setzt. Produktion und Arrangement wirken straffer als in der ursprünglichen Fassung. Die Leadgitarren sind präsenter, das Schlagzeug sitzt wuchtiger im Mix, ohne die atmosphärischen Zwischentöne zu erdrücken.
Der Füsilier I (2025)
Hier wird klar, warum diese EP Songs inzwischen als Live Klassiker gelten. Das Thema ist brutal, aber die Melodien sind fast schon hymnisch, ohne in Schlachtfeld-Romantik abzugleiten. Das Zusammenspiel aus harschen Strophen und einem Refrain, der sich wie eine dunkle Parole ins Gedächtnis fräst, macht den Track zu einem Paradebeispiel für das Kanonenfieber Prinzip: maximal eingängiger Extrem-Metal, der trotzdem mehr will als nur den nächsten Pit anzuschieben.
🎨 Artwork
Ansichtskarten aus finsteren Zeiten: Auf dem Cover von Soldatenschicksale wirkt es, als hätte jemand den Sensenmann zum Frontoffizier befördert und ihm ein Miniaturkriegsschiff in die Hand gedrückt. Vor einem grell orangefarbenen Himmel kniet eine skelettierte Gestalt in schwerem, schwarzem Marinemantel am Ufer. Die Mütze trägt den Schriftzug „K.W.Marine“, die Knochengesichtszüge grinsen nicht, sie wirken eher wie in einem ewigen Zähneklappern eingefroren. Der Offizier steht mit einem Stiefel mitten im giftgrün schimmernden Wasser, als sei das Meer selbst verseucht von all dem, was darin versenkt wurde.
In den Händen hält er eine lange Holzstange, mit der er ein kleines Kriegsschiff vor sich herschiebt, halb Lotstock, halb Schachfigur. Das Boot ist detailliert gezeichnet: Geschütztürme, Schornsteine, Taue, alles wirkt funktional, fast nüchtern. Gerade dadurch kippt das Bild ins Groteske: ein riesenhafter Knochenoffizier, der im Maßstab eines Kinderzimmers über das Schicksal eines ganzen Schiffs entscheidet, als würde er nur ein Spielzeug auf einer Landkarte weiterrücken. Der Titel Soldatenschicksale hängt unten im Bild wie eine Fußnote, nüchtern, weiß, klein. Die Pointe steckt im Motiv, nicht in der Typo.
Im Hintergrund links zieht sich eine zerstörte Küstenlinie entlang: Bunkerreste, Krater, Stacheldraht, alles in staubigen Braun- und Grautönen gehalten. Rechts liegt eine verschneite Landschaft mit kahlen Bäumen und dunklen Flecken. Winterliche Ruhe, die nur auf den ersten Blick friedlich wirkt. Dieser Kontrast zwischen comicartig überzeichnetem Skelett und relativ realistisch angedeuteter Kriegslandschaft macht den typischen Kanonenfieber-Effekt aus: Das Bild ist laut und plakativ, aber dahinter lauert eine sehr konkrete historische Realität. Kein Pathos, keine heroische Pose, eher der zynische Kommentar: Am Ende sind alle nur Figuren in einem Spiel, das längst außer Kontrolle geraten ist.
🪦 Besondere Momente
- Die beiden neuen Stücke bilden die inhaltliche Klammer. Z Vor! schildert den gleichen Untergang der Wiesbaden aus der Sicht eines Marinemelders, bleibt musikalisch aber etwas näher am gewohnten Kanonenfieber-Standard. Gut, druckvoll, aber weniger markant als der Hitpotenzial Bruder im Heizraum.
- Spannend sind die dezent überarbeiteten 2025 Versionen der EP-Songs. Die Änderungen springen nicht sofort ins Gesicht, die Produktion wirkt jedoch geschlossen, als wären diese Stücke schon immer für ein gemeinsames Album konzipiert gewesen. Gerade Die Havarie (2025) profitiert von der Atmosphäre. Die Hook und der düstere „Ahoi“ Ruf ziehen eine klare Linie zum maritimen Fokus des Skagerrak-Rahmens.
- Besonders stark ist die Art, wie das Album seine historische Perspektive vertont. Es gibt keine heroischen Gitarrenfanfaren und keine patriotischen Chöre. Stattdessen fühlt sich vieles an wie musikalisches Dokumentar-Theater. Man hört Schützengräben, Maschinenräume, Marschkolonnen und winterliche Frontabschnitte, ohne dass je ein belehrender Unterton auftaucht. Noise setzt die Originalquellen ernsthaft um und verlässt sich auf die Wucht der Geschichten.
- Auf der Metaebene hat Soldatenschicksale eine sehr klare Funktion. Die ursprünglichen EPs waren nicht gerade Schnäppchen, die Songs liefen eher als Sammlerfutter für bereits überzeugte Fans. Jetzt landen sie gebündelt in einem einheitlichen Paket mit großer Labelstütze und Tour im Rücken. Das ist aus Labelsicht klassische Kanonenversorgung, für Hörerinnen und Hörer allerdings ein fairer Deal, solange man die ursprünglichen Scheiben nicht schon dreimal im Regal stehen hat.
🪓 Fazit
Kanonenfieber startete 2020 als Ein Mann Projekt von Noise, der im Studio alle Instrumente selbst einspielt und live mit maskierten Gastmusikern auftritt.
Mit Menschenmühle nahm er den Ersten Weltkrieg aus der Perspektive einzelner Schicksale auseinander. Es folgten EPs und Singles, die weitere Frontabschnitte beleuchteten, etwa die amerikanische Yankee Division, den Füsilier an der Westfront oder den U-Boot-Krieg.
Die Texte entstehen auf Basis historischer Dokumente, die Auswahl erfolgt oft zusammen mit einem befreundeten Historiker. Noise sieht seine Musik als eine Art musikalische Dokumentation über den Krieg, nicht als politische Stellungnahme oder ideologisches Statement.
Soldatenschicksale markiert innerhalb dieser Diskografie einen pragmatischen Knotenpunkt. Die verstreuten EP Stücke werden eingesammelt, klanglich vereinheitlicht und durch die Skagerrak-Doppelsingle erweitert. Das ist kein klassisches zweites Studioalbum, eher eine Zwischenbilanz vor dem nächsten größeren Kapitel, das mit dem neuen Studioalbum Die Urkatastrophe bereits in den Startlöchern steht.
Soldatenschicksale ist der Moment, in dem Kanonenfieber die verstreuten Splitter seiner EP Phase aufhebt und in eine einzige Granate presst. Musikalisch ist das Material stark, oft sogar hervorragend. Die neuen Skagerrak Songs liefern genug Mehrwert, um das Album nicht wie eine lieblos zusammengestellte Restekiste wirken zu lassen.
Für Neulinge ist dies vermutlich der beste Einstieg in den Kanonenfieber Kosmos. Man bekommt die wichtigsten Nicht Album Stücke in aktueller Form, dazu ein klar umrissenes Konzept und eine Produktion, die das Gesamtbild zusammenhält. Wer bereits alle EPs besitzt, wird nüchtern prüfen, ob zwei neue Songs und ein geschlossenes Paket den Preis rechtfertigen.
Unterm Strich bleibt ein Album, das den bestehenden Mythos nicht neu schreibt, ihn aber sinnvoll zusammenfasst. Kein revolutionäres neues Kapitel, eher ein sorgfältig kuratiertes Geschichtsbuch, das man sich gern ins Regal stellt, bevor die nächste Offensive beginnt.

| Künstler: | Kanonenfieber |
| Albumtitel: | Soldatenschicksale |
| Erscheinungsdatum: | 6. Februar 2026 |
| Genre: | Black Metal, Melodic Black Metal, Blackened Death Metal |
| Label: | Century Media Records / Noisebringer Records |
| Spielzeit: | ca. 41 Minuten |
Z Vor!
Heizer Tenner
Ubootsperre (2025)
Kampf und Sturm (2025)
Die Havarie (2025)
Der Füsilier I (2025)
Der Füsilier II (2025)
The Yankee Division March (2025)
Die Fastnacht der Hölle (2025)
🎬 Kanonenfieber – Heizer Tenner
KANONENFIEBER – „Heizer Tenner“ (OFFICIAL VIDEO)
Offizielles Musikvideo zur neuen Skagerrak-Hymne von Soldatenschicksale
auf dem YouTube-Kanal von Century Media Records –
Hitze, Stahl und Maschinenraum-Perspektive im Ersten Weltkrieg.
Mehr Album-Reviews für dich?
Dieses Review war für dich cool und du würdest gerne mehr lesen? Reviews aus sämtlichen Spielarten der Fantasy Musik findest du auf unserer Fantasy Alben Seite.



